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Take Me To The Riot

1 Jul

Cast off the crutch that kills the pain, the red flag waving never meant the same. The kids of tomorrow don’t need today, when they live in the sins of Yesterday”, so beginnt ein populäres Stück der amerikanischen Punkrock Band Billy Talent. Über Musik und Text des Liedes lässt sich streiten, das Musikvideo zu dem Lied, welches 2006 von Floria Sigismondi gedreht wurde, ist allerdings sehr sehenswert und zeigt eine Jugendrevolution in einer amerikanischen Kleinstadt. Wie sich’s gehört sind die Musiker der Band, welche sich das ganze Video über vor dem Rathaus bzw. des städtischen Versammlungszentrums aufhalten und spielen, auch bei weitem die einzigen Erwachsenen in dem Musikclip. Kids im alter von 12 bis 20 brechen zuerst – bewaffnet mit roten Flaggen – aus einer Schule aus und laufen dann in einem immer größer werdenden und alles mit roten Flaggen verkleidenden Mob durch die Straße und hin zur City Hall, wo das dreieinhalb lange Video auch seinen Höhepunkt findet.

Für mich persönlich ist die Optik des Videos sehr interessant… alle Protagonisten sind im gleichen Stil gekleidet – 2006 war ja „Emo“ Hochblütezeit und da Billy Talent auch eine Szeneband ist, sind sowohl Band als auch die Teenager in schwarz gekleidet und anhand ihrer Outfits der Emo- bzw. Punkrock Subkultur zuzuordnen. Diese „Uniformen“ symbolisieren eine Einheit und Zugehörigkeit zu ein und derselben Gruppe. Wie Amann 2005 schon anmerkte, wird durch „gleichförmige Kleidung“ Gruppenzugehörigkeit sowohl innerhalb der Gruppe als auch Außenstehenden kommuniziert. Im Gegensatz zu Protestbewegungen wie sie einem aus Zeitung und TV gängig sind, sind die Kids in dem Musikvideo nicht vermummt oder verdecken ihre Gesichter mit Tüchern, Schals oder anderweitig. Man soll sehen, wer sie sind, und dass sie ein wichtiges Anliegen haben.

Wie Larissa Denk und Jan Spille in ihrem Text über kleidsamen Protest, welcher in einem Band namens „Kommt herunter, reiht euch ein…“ erschienen ist und von Protestformen handelt sehr treffend feststellen, hat Protestkleidung und damit Vermummung und Verkleidung für die Akteure in erster Linie eine Schutzfunktion. Mal von den Jahreszeiten so wie Witterungsverhältnissen abgesehen, stellen auch Polizei oder Sicherheitsdienste eine Gefahr für Protestanten dar und so ist es im Sinne des Protestierenden, sich zu schützen und vielleicht sogar anonymisieren. Ebendies ist in dem Musikvideo zu „Red Flag“ nicht notwendig – in keinem Moment werden die jungen Protestanten in ihrem Tun von der Exekutive oder sonst jemandem in ihrem Tun beeinträchtigt, ja, die ganze Stadt scheint bis auf die randalierenden Kids sogar ausgestorben zu sein!

Wenn man sich Textstellen aus dem Lied rauspickt, dann wird einem schnell klar, dass sich Billy Talent als Sprachrohr einer unzufriedenen Jugend fungieren… skurril, wenn man bedenkt, dass sich die Texte eindeutig an Jungendliche richten, die Bandmitglieder aber alle bereits jenseits der 30 Jahre alt sind und damit ja eigentlich genau zu der Menschengruppe gehören, gegen die sie zum Riot aufrufen.

„Like a fire,
Don’t need water,
Like a jury,
Needs a liar,
Like a riot,
Don’t need order,
Like a madman,
Needs a martyr.

We don’t need them.”

Auch der Teil des Refrains ”The kids of tomorrow don’t need today, when they live in the sins of Yesterday” verweist wieder darauf, dass den Kids die Zukunft gehört und sie mit den Fehlern der Elterngeneration(en) leben müssen und nun dagegen rebellieren. Unterstützt wird das noch zusätzlich von einer Szene gegen Ende des Videos, in der ein Junge von einem Podest aus Geschichtsbücher in die schreiende und tanzende Meute wirft und sie so zerstört. Die roten Seiten aus dem Buch bilden zusammen mit dem roten Rauch, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht so bald die Musik aufhört zu spielen, das Schlussbild des Videos. Die plötzliche Stille wird noch zusätzlich durch leise hallende „We want out“ Sprechchöre der Kids unterstützt so wie der Tatsache, dass alle Protagonisten russische Gasmasken tragen, die an den zweiten Weltkrieg erinnern, und anklagend in Reihe und Glied stehen.

Was ist aber nun diese „rote Flagge“, von der man im Video geradezu überschwemmt wird? Der generellen Definition zu Folge, ist eine rote Flagge ein Warnsignal – etwas, dass augenblickliche Aufmerksamkeit erfordert und meistens auch auf Irritationen stößt. In der amerikanischen Kriminalpsychologie werden Kinder und Jugendliche als „Red Flags“ bezeichnet, die von Eltern und Lehrern genauestens beobachtet werden müssen, da ihr Verhalten auffällig ist und sie sich unter Umständen zu Soziopathen entwickeln könnten (!!)… die USA hat eben für jedes „Problem“ gleich mal vorsichtshalber die passende Lösung parat.

Das Musikvideo von Billy Talent ist selbstverständlich im Vergleich zu “echten” Protestvideos inhaltlich relativ schwach, dennoch zeigt es gerade dadurch auf, womit sich die Jugend heutzutage herumschlagen muss: jung gebliebene Pseudo-Revolutionäre, die wie der Rattenfänger von Hammeln mit einfach zu verstehenden Parolen und Bildern auf die Jagd gehen. 😉

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Das Refugium der letzten Gentlemen

1 Jul

Fast unscheinbar erscheint der Schneidersalon Knize, wenn man den Graben entlang geht. Ziemlich versteckt hinter einem Baugerüst befindet sich der schmale Eingang zu dem Geschäft… oder eher, den Geschäften. Zwei mal Knize ist besser als einer? Spontan entscheide ich mich für den rechten Eingang – das schwarze Marmorportal also – das sieht eher nach einem Entwurf von Adolf Loos und damit meinem Besuchsgrund aus, und mit einem Schritt durch die offene Türe trete ich in eine andere Welt ein.

Das Erste, das auffällt, ist die Stille in dem Salon. Kein lästiges Fahrstuhlgedüdel oder nervige Radiobeschallung – bei Knize setzt man auf freundliche Begrüßung und redet eigentlich nur dann mit den Kunden, wenn’s unbedingt notwendig ist. Immer schön auf nobler Distanz bleiben. Das Personal ist nebst ausgesprochen höflich und hilfsbereit selbstverständlich auch dem exklusiven Schneidersalon angepasst standesgemäß gekleidet. Die Kombination aus professionell-mütterlich wirkenden, älteren Damen und jungen, feschen Dressmen ist wie alles hier perfekt auf das Zielpublikum des Herrenausstatters abgestimmt, bringt mich als junge Studentin in Jeans und Turnschuhen – und damit eindeutig mit einem Blick als nicht Teil dieser Zielgruppe einzuordnen – allerdings nur zum schmunzeln.

Die Atmosphäre im Laden ist geprägt von fast übertriebenem Luxus und Eleganz so wie klassischem, britischen Stil. Die Möblierung ist ausschließlich in Rosenholz, Glas und Messingbeschlägen gehalten, offenbar über die Jahre hinweg stark verwendet aber immer gepflegt und geliebt worden und demnach auch sehr gut erhalten. Als Liebhaberin von Antiquitäten finde ich das schlagartig charmant. Der grüne Teppichboden ist an manchen Stellen recht abgelaufen, aber das stört nicht… im Gegenteil! Man hat den Eindruck, als wäre das Geschäftslokal – und Personal – in der Zeit stehen geblieben. Clever tarnen sich die Verkäufer in ihren faltenfreien und tadellosen Anzügen und sehen dabei aus, als wären sie Teil des Inventars… sind sie in einer gewissen Art und Weise auch. Adolf Loos merkt seinem Werk „Warum ein Mann gut angezogen sein soll“ diesbezüglich sehr treffend an, dass man als Mann dann gut angezogen ist, wenn man korrekt angezogen ist und das heißt wiederum, man hat so angezogen zu sein, dass man am wenigsten auffällt – sich quasi in seiner Umgebung wie ein Chamäleon perfekt tarnen kann, demnach nicht durch ein schlechtes Outfit im Mittelpunkt steht und dadurch (negativ) auffällt. Das gelingt den freundlichen Verkäufern nur all zu perfekt. Einmal nicht aufgepasst, und schon dreht man sich um und blickt auf eine sich plötzlich bewegende Schaufensterpuppe, die einen freundlich anlächelt und fragt: „Kann ich Ihnen helfen?“. Erwischt.

In dem hohen, schmalen Eingangsbereich türmen sich Hemdschachteln, Krawatten, mit Schleifchen zusammengebundene Unterhosen und anderes Kleinzeug präzisiös Bug-auf-Bug (wie man’s halt von der Mama gelernt hat!) zusammengefaltet in Regalen und Vitrinen. Staub oder Fingertapper am Glas sucht man hier natürlich vergeblich. Auf die Frage, ob ich mich ein bisschen umsehen darf, werden ich sofort freundlich die Treppe hoch in das Mezzanin geschickt und aha! Der Laden ist wohl doch größer, als zuerst gedacht!

Über einen recht unschönen und sich auch schon an einigen Stellen hebenden Laminat in der selben Farbe wie der Teppichboden geht’s die ansonsten traumhafte Holztreppe auf leisen Sohlen hinauf in den Bauch des Salons und schnell sieht wird mir klar, dass ich Knize in der Tat größentechnisch um einiges unterschätzt habe, als ich Anfangs im Eingangsbereich gestanden bin! Das Mezzanin lässt einen fast glauben, man habe eine Zeitreise zurück ins Jahr 1910 angetreten und schlagartig fühle ich mich nicht nur fehl am Platz sondern auch noch furchtbar underdressed – Messinggeländer, Jugendstillampen, Lederfauteuils (sicher genauso Originale wie die Empfangsdame!) und überall teuer aussehende Teppiche auf dem Teppichboden, um bestimmte Bereiche zu zonieren… oder vielleicht auch nur, um besonders kahle Stellen abzudecken, wer weiß. An den Wänden finden sich Kupferstiche von Reitsportszenen und ähnlich wirklich männlichen Tätigkeiten aus der Jahrhundertwende so wie diverse Auszeichnungen und Diplome der Knize Schneidermeister. Die zweifelsohne unleistbaren Kleidungsstücke (Preisschilder kann ich im ganzen Geschäft nirgendwo sichtbar an der Ware entdecken) sind fast wie in einem Museum in noblen Glasvitrinen, Schiebeschränken und in einem Fall sogar unter einem mannshohen Glassturz präsentiert und zeigen meistens ganze Ensembles zu verschiedenen Themen. Sportlich, elegant, casual,… immer luxuriös, immer mit Stil und immer von der Unterwäsche bis hin zu Hut, Stock und Regenschirm durchgestylt. Wie Adolf Loos von einem amerikanischen Philosophen zitiert: „Ein junger Mann ist reich, wenn er Verstand im Kopf und einen guten Anzug im Kasten hat“. Das mag zwar sein, nichtsdestotrotz ist man bei Knize lieber mal trotzdem schon vorher ein reicher, junger Mann, bevor man hier zum Einkaufen vorbeischlendert. Wie die Schaukästen nämlich suggerieren, ist man mit „nur“ einem läppischen Anzug keineswegs bereit, die große, weite Welt zu erobern – da tut sich ein ganzer Kosmos an Accessoires auf, die einen echten Gentlemen erst perfekt machen!

Ein letztes Mal um die Ecke gebogen, stehe ich plötzlich im Herzstück von Knize: dem Schneidersalon und der Maßabteilung. Großräumig und eingerichtet wie ein gemütliches Wohnzimmer sind die Räumlichkeiten und am liebsten würde ich es mir mit einem Tumbler Whiskey in einem der Fauteuils gemütlich machen und ein bisschen vor mich hin dösen. Ich wette, diese Idee hatten so einige Gentlemen vor mir auch in den letzten hundert Jahren. Links führt eine weiß lackierte Türe direkt in den Schneidersalon und ein geschwinder Blick bestätigt mir, dass ich in der Tat Glück habe und tatsächlich gerade darin ein Kunde bedient und vermessen wird. Stören möchte man bei so etwas natürlich nicht, deshalb tripple ich schnell wieder zurück in den Wartesalon und entdecke eine spektakuläre Lampe an der Decke, dessen Zwilling ich beim Hinausgehen aus dem Geschäft ein paar Minuten später dann auch im Eingangsbereich wieder finde.

Eine sympathische Verkäuferin führt mich zum Abschluss noch durch den neuen Zubau des Salons – konträr zu Loos Entwurf in hellem Sichtbeton gehalten und entworfen von Paolo Piva – und ehe ich’s mir versehe, bin ich auch schon durch die Kniz’sche Schallmauer wieder auf den Gehsteig ins laute Menschengetümmel und ins 21. Jahrhundert getreten. Der Lärm hat mich wieder.

Down The Rabbit Hole!!

1 Jul

Hübsch sehen sie aus, die jungen Damen in
Ihren adretten Kleidern. Schleifen am Kopf und
Kleinmädchenschuhe an den Füßen. „Lolita“
Heißt diese Subkultur aus Japan und ist dank
Dem gleichnamigen Roman von Vladimir
Nabokov als eine Szene von männermordenden Mädchen verschrien – fälschlicherweise        allerdings, denn eigentlich geht’s den Anhängerinnen dieser Mode-erscheinung genau um das Gegenteilige… augenscheinlich zumindest.

Wie man auf dem Bild – ein Scan des Szenemagazins „Gothic & Lolita Bible“ – erkennen kann, sind beide junge Frauen in Outfits gekleidet, die am ersten Blick an Kinderkleidung des 19. Jahrhunderts erinnern. Die Haare ordentlich gekämmt, das Gesicht hübsch und fast puppenhaft geschminkt und die Kleider mit langen Ärmeln versehen und auch wenn sie nur bis zum Knie reichen, tragen beide Models Kniestrümpfe, um so wenig nackte Haut wie nur möglich zu zeigen – deshalb sind die Ausschnitte der Oberteile auch hochgeschlossen! Obwohl die Lolita Mode von jungen Frauen im Alter von 15 bis 25 getragen wird, sehen alle Anhängerinnen dieser Szene aus wie kleine Kinder, was mitunter auch mit der Rocklänge zu tun hat. Wie auch schon Friedricht Theodor Vischer sehr süffisant in seinem Text „Mode und Zynismus“ anmerkt, strecken (boden)lange Kleider den weiblichen Körper und lässt ihn so optisch größer wirken – die Lolita Kleidung, welche an der Taille meist durch Schürzen eng gebunden wird und dann ab dem Hintern sehr weit ausladend ist (was an den dicken Petticoats unter den Röcken liegt), lässt die Trägerin klein und fast schon gestaucht wirken, eine Optik, die von den Szeneanhängerinnen dann noch zusätzlich durch klobige Mary Jane Schuhe und kindliche Accessoires wie Teddybären oder kleine Täschchen unterstützt wird.

Die beiden jungen Frauen auf dem Bild sind im typischen „Gothic Lolita“ Style gekleidet: schwarz und weiß mit viel Spitze, Schleifen, den typischen Ringelsocken sowie „Head Dresses“ (Kopfbedeckungen). Ebendiese komplettieren jeden Lolita Look und sind sowohl farblich als auch stilistisch an das Kleid angepasst – überhaupt wird in dieser Szene nichts dem Zufall überlassen!
Die Lolita Gemeinschaft ist eine typisch japanische Subkultur, geprägt vom übermäßigen Konsumzwang, dem die japanische Jugend in jeder Lebenslage unterliegt. Deshalb ist es auch nicht nur ein Muss, immer die neueste Mode mitzumachen und die aktuellsten Accessoires zu besitzen, nein, es muss auch alles „Brando“ sein. Dieser Ausdruck stammt von dem Englischen „brand“ ab und wie man’s sich schon denken kann: selbst nähen (und damit Individualität zeigen!) ist völlig out – wer eine ECHTE Lolita sein will, die kauft nur Markenklamotten! Dies unterschiedet die Lolita Szene auch von den in Japan sehr beliebten Cosplayern – diese Subkultur näht sich ihre Kostüme ausschließlich selbst, da die Anhänger des Cosplay ihre liebsten Anime- und Mangacharaktere darstellen und es da natürlich besser ist, die Kleidung selbst aufwendig zu produzieren, als billig produzierte Massenware zu tragen.

Die Lolita Szene ist eine kleine Armee von puppenhaft anmutenden jungen Frauen, die gerne ihr ganzes Taschengeld für Brando ausgeben (ein typisches Kleid kostet ab €200,-!) und ebendies wird von der Industrie auch ausgenutzt bis zum geht-nicht-mehr: die inzwischen unzähligen Lolita-Marken produzieren neben Kleidern auch Schuhe, Strümpfe, Hüte, Schirme, Taschen, Unterwäsche (stilecht im Bloomers Stil bis zum Knie und mit Rüschen am Hintern, so dass man meinen könnte, in Pampers zu stecken) und eigentlich alles, was eine Lolita so braucht um sich stilecht von Kopf bis Fuß zu dekorieren. Vischer hat auch dieses Verhalten in dem oben bereits angesprochenen Text sehr kritisch betrachtet und festgestellt, dass sich Frauen ganz wie’s auch Tieren in der freien Natur tun, mittels Ornamenten dekorieren, um auf sich aufmerksam zu machen. Vischer versteht dieses Verhalten in unserer Gesellschaft allerdings weniger als natürliches „Balzverhalten“, wie’s zum Beispiel bei Vögeln im schönen Gefieder üblich ist, sondern er unterstellt den Frauen, sich deshalb so aufzuhübschen, um eigentlich weniger den Männern zu gefallen, sondern weil sie untereinander im stetigen Wettstreit stehen, wer sich denn besser aufputzen kann. Wenn man sich den Markenkult so ansieht, der in der Lolita Szene exzessiv betrieben wird, dann liegt die Vermutung nahe, dass Vischer mit seiner wenn auch sehr zynischen Theorie zumindest teilweise recht hat – zumal in dieser Subkultur Männer ja nur eine sehr latente Rolle spielen!

Seit Entstehen der Szene in den 80er Jahren rühmen sich die Anhängerinnen damit, dass die Kleidungsstücke an viktorianischer Kinderkleidung orientiert ist, und auch zum Teil traditionelle Schnitte verwendet werden. Man versucht offensichtlich, zumindest nach Außen hin immer diesen historischen Faktor hervorzuheben und unterstreicht damit die (pseudo)intellektuelle Komponente dieser Jugendkultur, in der nicht geraucht, getrunken oder generell laut gefeiert wird. Weiters gerne behauptet wird, dass diese Szene gänzlich unerotisch ist (es finden sich ja auch so gut wie keine Männer – was sicherlich auch daran liegt, dass diese von der Industrie gänzlich ignoriert werden… Outfit für den Mann im Lolita Stil? Gibt’s nicht!) aber auch das stimmt nicht so ganz. Totgeschwiegen wird zum Beispiel gerne die Tatsache, dass manche der Lolitas „Enjo Kosai“ betreiben, also in ihren Kostümen auf den Schülerinnenstrich gehen – ein Problem, von dem allerdings dank dem Oben im text bereits genannten Konsumzwang ein Großteil der japanischen Jugend betroffen ist.
Dementsprechend ironisch ist die Tatsache, dass auch die viel gerühmte „historische Schnittvorlage“ mit der aktuellen Lolita Mode nicht mehr all zu viel zu tun hat – wenn man’s genau nimmt, dann sind die Kleider sogar erotisierte Versionen der originalen viktorianischen Kinderkleidung… hatte Vladimir Nabokov am Ende also vielleicht doch irgendwie recht…

Schlurfs – Mode als Zeichen des Widerstands im NS-Regime

29 Jun



„Damit eröffnet die Mode individuelle Freiräume, die dem faschistischen Selbstverständnis widersprechen, und liefert so das Motiv für Strategien zum politischen Modediktat wie auch den Grund für dessen scheitern.“ (Sultano 1995: 9)

Frühe 1940er Jahre, NS-Regime. Eine Ideologie, in der Individualität, Unkonformität und Abweichung verpönt, alles „Ausländische“ und Ausschweifende verboten ist – erotische Lebensfreude gar, gilt als „entartet“. Mensch hat sich einzugliedern, all seine Kapazitäten dem Kampf zur Verfügung zu stellen. Unterordnung, Gehorsam und Disziplin sind Werte die zählen, erzielt über Drill und Gleichschaltung. Um liberalistisches Eigenleben und subjektiven Geschmack zu untergraben, werden in totalitärer Tradition alle Bereiche der Alltagskultur korrumpiert. Vereinnahmt werden nicht nur Architektur, Kunst und Bildsprache jeglicher Art, sondern auch die Mode, welche seit jeher von gesellschaftlichen Normen und Konventionen geprägt ist und nie ohne Wirkung bleibt. Äußerliche Attribute haben dem System zu entsprechen, Gewandung wird zum Herrschaftsinstrument: Schlicht und ökonomisch hat sie zu sein, entsprechend dem asketischen Ideal. Frauen und Mädchen: Bieder mit Zöpfchenfrisur, gesund und bodenständig, nicht zu dünn um Gebärfähigkeit auszustrahlen, rosabackig jedoch ungeschminkt, mit kurzem Rock (um Stoff zu sparen – jedoch weiblich zurückhaltend, versteht sich) und keuscher Bluse oder Uniform der jeweilig zugehörigen Organisation[1]; Männer und Burschen: Stolz und heroisch, Kurzhaarschnitt, auch hier: unaufdringliche, saubere Arbeitermontur oder Uniform.

Doch die Mode dient nicht nur als Strategie der Nationalsozialisten zur kontinuierlichen Entindividualisierung, sie wird auch zum Zeichen des Widerstandes, zur subversiven Waffe.

In Zeiten von Tanzverbot, Zensur und Meinungsunfreiheit gibt es eine Gruppe, die sich der alles überdeterminierenden Autorität des Systems entgegenstellt: Die Schlurfs.

Die zumeist Jugendlichen durchbrechen durch weltbürgerliches, legeres Auftreten und ihren bewusst internationalen Lebens- und Kleidungsstil, wobei sie sich an amerikanischen und englischen Vorbildern orientierten, die stereotypen Charakteristika des herrschenden nationalsozialistischen Idealbildes. Ziviler Ungehorsam. Gegen jede Konvention und gegen die Logik knapp bemessener Stoffrationierungen, gekleidet in weite, überlange doppelreihige Nadelstreif-Sakkos oder Karomuster-Jacketts mit breitem Revers und vielen Taschen sowie ebenso verschwenderisch bemessene Hosen mit breitem Schlag und hohen Stulpen, entziehen sie sich der Doktrin von Sparsamkeit auf provokante Weise. Um das penibel gebügelte und stets sauber gehaltene Beingewand vor Schmutz zu schützen, wie auch, um erneut gegen den Zwang der rationellen Verwertung zu rebellieren, waren Schuhe gern mit dicken, aufgedoppelten Sohlen versehen. Zudem werden von den Burschen Hüte mit an der Vorderseite nach unten gebogener Krempe getragen – die sogenannte „Hüsn“ (Sultano 1995: 93). Tief in die Stirn gezogen oder im Nacken sitzend, thront sie auf unschicklich lange getragenem, nach hinten pomadisiertem Haar. Weiters Reversknöpfe in verschiedenen Farben als Erkennungszeichen und Krawatten oder Halstücher in grellem Kolorit. Obligat ist auch der stets zusammengefaltete Regenschirm (in Anlehnung an den damaligen englischen Außenminister Anthony Eden wird dergestalt die pro-englische/amerikanische Haltung zum Ausdruck gebracht). Nicht Funktionalität steht bei der „Schlurfschale“ (ebd.) im Vordergrund – keinesfalls jedoch sinnentleert, sind großzügige Schnitte und unverhältnismäßige Verwendung von Ressourcen bei den dandyhaften Schlurfs als Symbole für eine Gegenkultur zum uniformierten Alltag der Hitlerjugend und gegen die aufoktroyierte Wirtschaftlichkeit zu lesen. Die Kleidung dient hier als Mittel der internen, jedoch auch der externen Kommunikation, durch sie wird Zugehörigkeit (zur Gruppe der Schlurfs) beziehungsweise Abgrenzung (etwa zur verhassten Hitlerjugend) signalisiert. Die Kleidung ist jenes Element, welches nur temporär als Erkennungszeichen gilt – permanente Komponente bleiben etwa die langen Haare. Nicht viel anders verhielt es sich bei den Mädchen, auch sie trugen das Haar lang, jedoch entgegen des vorgegebenen weiblichen Wunschbildes offen, manchmal dauergewellt. Überhaupt entsprach ihr Betragen nicht dem femininen Ideal jener Zeit, in dem Frau auf braves BDM-Mädl, Gebärmaschine und Hausmütterchen oder später Verteidigerin an der Heimatfront reduziert scheint. Elegant und mondän gibt sich die „Schlurfkatze“ (vgl. Tantner 1993:107), entgegen Goebbels´ diesbezüglicher Ermahnung auffällig geschminkt, ein Glas alkoholisches Getränk in der Hand und qualmend – die Zigarette im langen Spitz – immer bedacht auf ihr Äußeres, betont sexy und weiblich frivol, mal im übergroßen Hosenanzug, mal im sehr kurzen körperbetonten Kleid.

„Wir sind nicht Juden, sind nicht Plutokraten,
doch die Nazis müssen trotzdem weg.
Aus uns da macht man keine Soldaten,
denn unsere Hymne ist der Tiger Rag.“
Swing Liedtext (return2style)

„Meines Erachtens muß jetzt das ganze Übel radikal ausgerottet werden. Ich bin dagegen, dass [sic!] wir hier nur halbe Maßnahmen treffen. Alle Rädelsführer (…) sind in ein Konzentrationslager einzuweisen. (…) Nur wenn wir brutal durchgreifen, werden wir ein gefährliches Umsichgreifen dieser anglophylen [sic!] Tendenz in einer Zeit, in der Deutschland um seine Existenz kämpft, vermeiden können.“

(Himmler am 26.1.1942, zitiert nach Lichte o.J.)

Anfänglich weitgehend unpolitisch – die Repressionswelle ab 1941 bedingte partiell eine Veränderung und Radikalisierung dieser Haltung[2], – stehen die Schlurfs für autonome Lebensgestaltung und eine freie Jugendkultur ohne Zwänge und Normen der NS-Herrschaft. Dieses Lebensgefühl der betont modisch gekleideten HerumtreiberInnen wird nicht nur in deren Kleidung, als Ausdrucksmittel individueller Freiheit, kundgetan, sondern es kommt auch in Sprache und Körperhaltung zur Geltung. Gewollt lässig grüßen die AnhängerInnen dieser Jugendopposition, den ‚geliebten Gruß’ bizarr verzerrt, sich mit ausgestrecktem Arm – die Finger zu einem Victory-Zeichen gespreizt, dazu salopp: „Swing Heil“. Impertinenz par excellence. In, mit Anglizismen gespickten Konversationen, rauchend, trinkend und zu „entarteter Negermusik“ „hottend“ kommt Mensch sich näher, auch sexuell. Weitergefeiert wird auf den  selbstorganisierten, illegalen Partys auch bei Bombenalarm – und das in solch schwierigen Zeiten! Unsittlich! Unerhört! Untragbar! Degeneriert! Kriminell!

Also wurde verfolgt, unterstellt und verhaftet. Anklagepunkte: Unsittliches Verhalten, Prostitution, Blutschande, Wehrkraftzersetzung, Schädigung der deutschen Volkskraft, staatsfeindliche Propaganda, Hochverrat. Es folgten: Arbeitsdienst, Übergabe an die Fürsorge, Einweisung ins Gestapo-Gefängnis oder ins KZ.

Schwerwiegende Exekutionen wie etwa die Verurteilung von Schlurfs und AnhängerInnen der Swingjugend zur Todesstrafe konnten durch den Einmarsch der Alliierten 1945 verhindert werden.

Quellenverzeichnis:

Baudelaire, Charles (1863): The Dandy. In: The Painter of Modern Life.
http://www.dandyism.net/?page_id=178

Denk, Larissa / Spille, Jan (2009): Kleidsamer Protest – Medium und Moden des Protests.

In: Schönberger, Klaus / Sutter, Ove (Hg.): Kommt herunter, reit euch ein… Eine kleine Geschichte der Protestformen Sozialer Bewegungen. Berlin: assoziationA, s 211-233.

Deutsches historische Museum (o.J.): Swingjugend http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/widerstand/swing/

Deutsches historische Museum (o.J.): Bericht: Swing-Jugend. Sofort-Aktion gegen Swing-Jugend 18.August 1941.

http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/swing/index.html

Deutsches historische Museum (o.J.): NS-Frauenpolitik und NS-Frauenorganisationen.

http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/frauen/index.htm

Erbe, Günter (2004): Der moderne Dandy. In: Politik und Zeitgeschichte (B 46/2004).

http://www.bpb.de/publikationen/YEJ0WG,0,0,Der_moderne_Dandy.html#art0

Lichte, Michael (o.J.): Kids im Nazi-Regime. Widerstand Jugendlicher gegen den Nationalsozialismus

http://www.shoahproject.org/widerstand/kids/shkids3.htm
Mki (o.J.): NS-Frauenpolitik und NS-Frauenorganisationen. http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/frauen/index.html

Return2style (o.J.): Die Swing-Jugend.

http://www.return2style.de/swheinis.htm

Schönberger, Klaus / Sutter, Ove (Hg.) (2009): Kommt herunter, reit euch ein… Eine kleine Geschichte der Protestformen Sozialer Bewegungen. Berlin: assoziationA.

Schroetter, Sabine (o.J.) : Swingkultur in den 30er bis 40er Jahren in Deutschland

http://www.it-must-schwing.de/de/zeitgeschichte

Sultano, Gloria (1995): Wie geistiges Kokain. Mode unterm Hakenkreuz. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik.

Tantner, Anton (1993): „Schlurfs“. Annäherungen an einen subkulturellen Stil Wiener Arbeiterjugendlicher. Wien, Diplomarbeit.

http://tantner.net/publikationen/Tantner_Schlurfs_Diplomarbeit1993.pdf

Bild 1: Drei Ottakringer Schlurfs in „Schlurfschale“.
In: Sultano, Gloria (1995): Wie geistiges Kokain. Mode unterm Hakenkreuz. S 215.

Bild 2: Karikatur in den Hamburger Gaunachrichten, 1941.

http://www.return2style.de/swheinis.htm

Weitere Lied- und Flugblatttexte von Schlurfs und der Swingjugend (return3style):

Text, bezogen auf das Hamburger Durchgangs-KZ Fuhlsbüttel, unter dem Namen „Florida“ bekannt:
„Und Sonntag war’n wir in der Bauernschänke
bei einem  fröhlichen Zusammensein.
Der Ober brachte verschiedene Getränke,
doch keines war vom guten alten Wein.
Er hat vielleicht mal neben Wein gelegen
und etwas Färbung abgekriegt.
Doch alle sind sie da, bis auf die in Florida.
Oh Joseph, Joseph, Steine klopfen, das ist wunderbar.“

Text über Bergedorf, eine der vier Hamburger Jugendarrestanstalten, gesungen:
„Bergedorf ist kein Zuchthaus, kein Sing-Sing,
Bergedorf ist die Festung für den Swing.
Bergedorf ist der Nazi stiller Ort,
wo sie hinbringen die Kulturträger für den altenglischen Hot.“

Hamburg: Ein Spottgedicht auf den gefürchteten „Langen Paul“, Schläger der SS-Wachmannschaft und den „Fuchs“, leitete im Gestapo-Hauptquartier die Verhöre:
„Erst bricht der Lange Paul dir alle Knochen,
dann kommst du beim Fuchs auf allen Vieren angekrochen
der macht aus dir Frikassee
aus deinem Schwanz Haschee
da pfeift dir aus dem Hinterteil
der allerletzte Furz: Swing Heil!“

Flugblatt in Schulen in Winterhude verteilt:
„Der Boy, das Girl, sie lieben Hot
Und meiden die Meute stupider HJ.
Geh’n sie spazieren auf leisestem Krepp,
Erglänzt sie am Bein, er am Jackett.
Marschiert voran, Hot, Jazz und Swing.
Come on boy and girl, wir gehen zum Ding.
Zum Fest der Gerechtigkeit komm und spring.

Und tritt General HJ einst gegen uns an
Dann werden wir hotten Mann für Mann.
Der eine am Baß, der andre am Kamm.
Noch sind wir nicht viele genug.
Doch einst wird es wahr, was bisher nur Spuk.
Wir werden siegen, da gibt’s keinen Muck!“

„Swingend wollen wir marschieren in die Zwangs-HJ
Teddy Stauffer soll uns führen mit dem neuesten Hot !“

„Kurze Haare, große Ohren,
So war die HJ geboren!
Lange Haare, Tangoschritt –
Da kommt die HJ nicht mit!  Oho,oho!
Und man hört’s an jeder Eck‘ –
Die HJ muß wieder weg!“

„Wir tanzen Swing bei Meier Barmbeck.
Es ist verboten. Wir hotten nach Noten.
Und kommt die Polizei, dann tanzen wir Tango.
Und ist sie wieder weg, dann swingen wir den Tiger Rag.“

Auch Goebbels betrafen mehrere Spottverse. Hier für die Repressionen verantwortlich gemacht:
„Der kleine Josef hat gesagt, ich darf nicht singen,
denn meine Band, die spielt ihm viel zu hot.
Ich darf jetzt nur noch Bauernwalzer bringen,
nach dem bekannten Wiener Walzertrott.“


[1] NS Frauenorganisationen waren etwa: der Bund deutscher Mädel (BDM), die NS-Frauenschaft (NSF), die deutsche Frauenfront (DFF), die Reichsgemeinschaft Deutscher Frauenverbände (RAG) oder das Deutsche Frauenwerk (DFW)

[2] „Sofort-Aktion gegen die Swing-Jugend“ vom 18.08.1941 (Berlin). Beginnend mit dieser Aktion (über 300 Verhaftungen) wurde ab sofort nicht mehr nur mittels Anti-Propaganda gegen die Schlurfs und Swings vorgegangen, sondern diese wurden auch strafrechtlich verfolgt.

Die darauf folgende Repressionswelle im gesamten Deutsch Reich bedingte eine deutlichere Protesthaltung und teilweise radikale Politisierung der Jugendlichen. Vereinzelt wurden antifaschistische Flugblätter verteilt. Die deutschen Swings hatten Verbindungen zur „Weißen Rose“.

HERRENAUSSTATTER KNIZE – ZEITPORTAL IN EINER HEKTISCHEN WELT

29 Jun

„Die Mode […] das Tempo ihres Wandels unaufhörlich steigernd – ist nur die Verdichtung eines zeitpsychologischen Zuges. Unsere innere Rhythmik fordert immer kürzere Perioden im Wechsel von Eindrücken.“ (Simmel, 1908)

Hektisches Treiben am Stephanplatz, auch am Graben Massen an bunten Menschenpunkten; eilenden Schrittes, telefonierend, den Laptop unterm Arm kämpfen sich Businessfrauen und –männer durch die nicht minder gestresst wirkenden ’neuen FlaneurInnen’, welche von einem überfüllten Geschäft zum anderen taumeln – überwältigt von der Reizüberflutung des ständig wechselnden Überangebotes. Mode, Mode überall. Konsum, Konsum.

Ein Blickschwenk nach links, Graben 13. Ornamentlose dunkelgraue Steinfassade, kaum Ausstellungsfläche. In den kleinen kofferartigen Schaukästen aus gewölbtem Glas keine schrillen Dekorationen, sondern gefaltete Hemden, säuberlich übereinander gestapelt, daneben passende Schuhe, extravagant aber nicht aufdringlich modisch. Italienisch? Bestimmt sündteuer, aber das spielt hier augenscheinlich ohnehin keine Rolle – Preisetiketten gibt es nicht, Rabattschilder kein Thema, Ausverkauf unerwünscht. Wer hier einkauft hat Lockangebote nicht nötig (zu haben).

Dazwischen der Eingang. Nicht nach KundInnen geifernd offenstehend, ohne elektronische Schiebetür sondern klein und unscheinbar. Eine konventionelle, manuell zu betätigende Flügeltür aus, in Holz eingefasstem Glas, umrandet von Vitrinen und flankiert von Schneiderpuppen, auf denen akkurat gesteckt sich klassische Herrenanzüge höchster Qualität befinden, vervollständigt mit darauf abgestimmten Accessoires aller Art. Alles Ton in Ton, versteht sich. Schlicht und Edel – Understatement mit Stil.

Durchschreitet Mensch diese mysteriöse Tür ist es, als würde man direkt durch ein Zeitportal treten und abtauchen in eine andere, ferne Welt. Entschleunigung. Von 180 auf Schrittgeschwindigkeit in 0,1 Sekunden.

Eingetreten in den winzigen Straßenladen, welcher, einer Jahrhundertwende-Apotheke gleichend, mit unzähligen kleinteiligen Fächern und Ladenelementen aus edlem Hartholz ausgestattet ist, bin ich fast ein bisschen enttäuscht. Das soll der berühmte, einzigartige Modesalon Knize sein, in dem „der Glanz der Geschichte“ seit über 150 Jahren „erstrahlt“? Etwas verloren blickend, den Duft von Vergangenheit in der Nase, wende ich mich der adrett gekleideten Verkäuferin zu, welche mich sogleich, zwar etwas beirrt musternd, freundlich begrüßt. Ihre Gedanken scheinen sich hörbar zu manifestieren: Passt ‚die’ in unser exklusives Klientel? – Trotz extra für diesen Besuch moderat gewählten Outfits scheine ich dieser klar abgegrenzten Kategorie von Menschheit nicht zu entsprechen. Ungenügend. Auf meine Frage ob ich mich umsehen dürfe – Studentin der Akademie der Bildenden Künste, leider etwas später als zum vereinbarten Zeitpunkt eingetroffen – weist sie in Richtung Wendeltreppe und erläutert knapp: die Kollegen (natürlich werden die, abzüglich eines Lehrbeauftragten, ausschließlich weiblichen Personen nicht als solche bezeichnet) sind noch oben. Aha, danke. Es gibt also doch noch mehr zu sehen.

Den Blick auf den abgegriffenen aber penibel polierten Handlauf gerichtet, welcher sich etwas asymmetrisch ins Obergeschoss hochschlängelt – hier war sicher keine CNC-Präzisionsmaschine an der Fertigung beteiligt, sondern ausschließlich handwerkliches Geschick – steige ich die Treppe empor. Erst jetzt wird mir bewusst, wie still es hier ist. Es fehlt das gewohnte Kaufhausgedudel – weder einlullende Fahrstuhlmusik noch dröhnendes, Jugendlichkeit verheißendes Gebumper sind zu vernehmen, nur das Knarren der Stufen.

Die Runde gedreht, im Mezzanin angelangt wird der Blick auf den eigentlichen Verkaufsraum – korrekter Weise ist hier aufgrund der verwinkelten Abteilungen von Räumen im Plural zu sprechen – freigegeben. Das Interieur, im Jahre 1910 vom „Pionier der Moderne“ Adolf Loos gestaltet, scheint bis heute unverändert. Jener Zeit entsprechend dunkel gehalten und streng der Doktrin der Wiener Moderne folgend, die Ladenarchitektur. Dergestalt umgeben wandert man durch ornamentlose Eleganz. Unverziertes Holz, Glas, Messingbeschläge. Schlicht, jedoch über die Maßen funktional, wirken die Räumlichkeiten durch vereinzelte Akzente wie Teppiche und Luster sowie Bilder vergangener Zeiten und Zertifizierungen diverser Jahrzehnte, vor allem jedoch durch die gewählt platzierten Sitzgelegenheiten – klassische Fauteuils mit dazu passenden Beistelltischen – nicht nüchtern sondern gemütlich, einladend um zu Verweilen. Assoziationen wie englischer Salon, Studierzimmer oder Museum drängen sich auf, vielleicht auch ein bisschen Hawelka. Zeitloser Raum, dem radikalen Wandel des letzten Jahrhunderts trotzend.

„Wer die Zeichen der Zeit versteht, der lernt, das Wesentliche von Launen zu unterscheiden. Es ist eine Sache, kurzlebige Sensationen zu verkünden. Eine andere ist es, über Generationen einen Stil zu vervollkommnen und damit eine Tradition zu schaffen, die als Mythos zu bezeichnen durchaus angemessen erscheint.“ (knize.at)

Jedoch nicht nur die Einrichtung wirkt puristisch und nobel, auch die angebotene Ware liegt ohne überflüssige Dekoration in den unzähligen Vitrinen und Regalen. Exakt gefaltet, sorgfältig nach Farbe und Material sortiert, fast wie Bücher in einer Bibliothek hier Hemden, Pullover und Unterzeiher aus edelsten Geweben und Gewirken. Alles spricht: Perfekt, Korrekt. Tradition, Eleganz. Und auch in dieser Etage: Herrenanzug, Frack und Smoking als Schaustücke makellos drapiert auf Schneiderpuppen – wie unbewegliche, kopflose Sirs am Wegesrand trotzen auch sie der Veränderung. Der Schnitt des Herrenanzuges seit hundert Jahren kaum abgewandelt. Etablierte Standards verändern? Hier nicht. Subtile Anpassung für zeitgemäße Tradition. „Um dieser ewigen Jagt nach neuen Stoffen und Schnitten enthoben zu sein, wird nur zu den diskretesten Mitteln gegriffen“, dies schrieb bereits Adolf Loos. Und weiter: „Die vornehmen Kreise […] werden stets jenen Änderungen der Mode den Vorzug geben, die am wenigsten den Mittelklassen zum Bewusstsein kommen“. Nichts für „Gigerl“ und Modenarren. Bestimmt. Der Knizesche Leitsatz: „Die unausweichliche Frage nach dem eigenen Stil beginnt mit der Überwindung der Mode“ wird in diesem Hause ohne Zweifel hochgehalten; schließlich ist wahre Eleganz „ein evolutionärer Prozess, keine Revolution“.

Revolution – dieser Begriff liegt hier fern, alles in geordneten Bahnen. Die Verkäufer, adäquat zum hier herrschenden Dresscode in einen korrekt sitzenden grauen Anzug gekleidet, sprechen gedämpft aber mit fester Stimme, fast stolz. Kein hastiges Zusammenlegen und weghängen der Ware, kein eiliger Schritt. Es gilt: ‚Gut Ding braucht Weile’ – in jeder Hinsicht. Sogar die Stoffe scheinen hiervon nicht ausgenommen, die ältesten hier verwendeten sind an die 40 Jahre alt. Der Berater erklärt: bei vereinzelten Materialien sei es wie bei gutem Wein – je länger gelagert, desto besser. Die manuelle Fertigung eines Zweiteilers der Maßlinie, werde ich aufgeklärt, dauert zehn volle Arbeitstage, beinhaltet etwa 60 Arbeitsgänge und es sind rund 7.000 Nadelstiche von Hand nötig. Wow. Und  das in einer Zeit, in der Zeit bekanntlich Geld ist – aber von diesem spricht man in einem solchen Etablissement ohnehin nicht. Unschicklich.

Ob das Knizesche Prinzip nun zeitgemäß ist oder nicht bleibt dahingestellt, ob Mensch sich dieser feinen, elitären Gesellschaft mit ihren kaum merklichen aber relevanten Abgrenzungen, Normen und Ausschlüssen zugehörig fühlen möchte, freigestellt. Eines ist jedoch sicher: ein Besuch bei Knize ist ein gesellschaftskulturelles Erlebnis.

Ich trete erneut durch die magische Tür. Die rastlose Betriebsamkeit unserer Zeit hat mich wieder. Unterbewusst manifestiert sich die fiebrige Geschäftigkeit, der Puls steigt parallel zum Puls der Zeit. Unmerklich beschleunigt sich mein Schritt.

Quellenverzeichnis:

Baudelaire, Charles (1863): The Dandy. In: The Painter of Modern Life.
http://www.dandyism.net/?page_id=178

Loos, Adolf (1898 [2007]): Die Herrenmode. In: Warum ein Mann gut angezogen sein soll. Enthüllendes über offenbar Verhüllendes. Wien: Metroverlag, 2.Auflage, s 23-33.

Loos, Adolf (1898 [2007]): Damenmode. In: Warum ein Mann gut angezogen sein soll. Enthüllendes über offenbar Verhüllendes. Wien: Metroverlag, 2.Auflage, s 61-71.

Simmel, Georg (1908): Die Mode.

http://www.modetheorie.de/fileadmin/Texte/s/Simmel-Die_Frau_Mode_1908.pdf

www.knize.at

Bild 1: http://knize.at/de/content/1.html

Bild 2: http://knize.at/de/content/5.html

Wien, Paris, Bad Gastein, New York

29 Jun

Am Graben Nummer 13, im ersten Wiener Gemeindebezirk, befindet sich das Traditionshaus KNIZE. Ein Herrenaustatter. Ganz in Wiener Marnier wird man beim Eintreten von einer osteuropäischen Angestellten unfreundlich begrüßt. Eine Art Begrüßung. Gewohnt an diese Bequemlichkeit warte ich im Vorraum im Paterres des Geschäftes. Nach einer verlangten Erklärung warum ich hier wäre wird mir ein kurzer Einblick gewährt. Scheinbar rechnet man hier nicht mit Kunden. Ich muss kurz warten bis ich in den ersten Stock absteigen darf. Ein Gefühl wie vor 150 Jahren macht sich langsam in mir breit. Ein leichter Hass bereits auch. Die Welt dreht sich bei Knize noch anderes. Ich versuche mich darauf einzustimmen.

Beim genauern Hinsehen in der Wartezeit fallen mir Parfumflakons auf der alten Verkaufstheke auf. Flakons, von denen mir fremd war dass sie noch so produziert werden. Einfach gehalten in der Form. Ohne jeglichen Schnick Schnack. Ähnlich wie das Personal. Ich musste an Old Spice denken und wie sehr ich mir wünschen würde diesen Duft wieder öfter zu riechen.                              Der olifaktorische Rausch wurde von der Engelsstimme der Angestellten unterbrochen. Ich durfte nun hinauf, in das eigentliche Geschäft. Eine hölzerne Wendeltreppe sollte mich in das architektonsiche Wunderwerk Adolf Loos führen. Braunes dunkles Holz, ein moosiges Grün und aufpoliertes Metall sind die dominierenden Farben des Mobiliars. Es wirkt kühl und schlicht. Ungemütlich. Kein Mensch in Sicht. Im nächsten Raum schaut mich der fesche Verkäufer fragend an. Fleissig legt er gerade ein Hemd zusammen während ich meinen Besuch erkläre. Er wirkt gekonnt freundlich. Ich ärgere mich, über den Stempel den ich wegen der Mühe am Eingang, Knize zuvor aufgedrückt hatte.  Zu Unrecht. Eine Dame huscht aus dem toten Winkel hervor. Selber bezeichnender Kurzhaarschnitt wie ein Stock tiefer. Selber keifender Tonfall. Selbe dumme Frage. Selbe Antwort. Nun zum dritten Mal. Auch sie erklärt mir das es ein unheimlicher Aufwänd wäre unangemldet das Geschäft zu betreten. Informationen über die Geschichte und oder das Bestehen von Knize erhielt ich nicht.

Ich gehe weiter sehe mich um. Überall Anzüge traumhaft verarbeitet. An den Schultern befinden sich noch die Heftfäden, so wie es sich für wahre Meisterschneiderei gehört. Wertvolle Wollstoffe werden verwendet. Wirklich schön. Ein paar Stücke musste ich berühren. Dies geschah natürlich heimlich, der Teufel war mir auf den Spuren.

Das Revier, die Knopfleiste, die Manschetten all diese Elemente die ein Herrensakko ausmachen werden noch traditionell, nämlich von Hand gefertigt. Ganz fasziniert ging ich immer weiter in das Konstrukt vergessene Welt. Die Kabinen waren leer. Niemand war zu sehen. Keine Stimmen. Keine Musik. Stille. Architektur. Herrenkleidung. Nur ich und hinter mir der Feind. Der Geruch von Mottenkugeln fehlte.

Viel Zeit hatte ich leider nicht. Zehn Minuten um genau zu sein. Dann wurde ich charmant gebeten zu gehen. Grund dafür, ich würde die Kunden verscheuchen. Interessant nochmal, Kunden waren nicht vorhanden. Kein Wunder.

Seit Eröffnung feiert Knize 150 Jahre bestehen. Vor 150 Jahren dürfte ich wohl nicht mal das Geschäft betreten. Jetzt ist es nicht anders. Um mir ein Gefühl von verstaubten Sexismus zu holen, kann ich auch am Land in eine Autowerkstatt gehen. Nur dass ich dort bestimmt freundlicher empfangen werde, zudem nicht gebeten werde zu gehen. Neben Toppolitkern die sich beim Schneider Knize einen Maßanzug anferitgen lassen, ist mir durchaus bewusst nicht als potenzielle Kundin dort aufzutreten. Mir wurde nicht klar ob Frauen nicht willkommen sind oder Studentinnen. Vielleicht eine Kombination aus beiden.

Warum sich Menschen, Anzüge fertigen lassen und nicht einen Anzug von Stange zu kaufen, möchte ich kurz erläutern.

Fettlaibigkeit, Kurzbeinigkeit, Kurzarmigkeit oder einfach nur die Bierwampe, wie es so schön heißt, sind eine der Gründe warum auf den Schneider zurückgegriffen wird. Prestige steht schon lange nicht mehr dahinter. Dafür sind namenhafte Designeranzüge, industriell gefertigt, schon viel zu angesehen. Es ist nicht mehr schick, nicht mehr zeitgemäß.

Loos selbst spricht vom Wert korrekt auszusehen. Man möchte schön sein, wenn man nicht schön ist soll man wenigstens so wirken. Kleidung ist wie Make Up, mann kann viel vertuschen neue Identitäten schaffen.

Probleme unsere Zeit. Dick zu sein nicht in die Gesellschaft zu passen. Knize das Traditionshaus macht es passend und wirft die Kunden von Morgen schlechtweg raus.

Sich mit namenhaften Kunden wie Marlene  schmücken ist fast nicht ernstzunehmen. Aber schön dass es scheinbar mal früher, bei Knize, modern war, Frauen einzukleiden. Bedenklich dieser Rückschritt.

Zu sagen die Schneiderkunst sei vom aussterben bedroht, eine reine Ausrede, um nicht mit der Zeit zu gehen.

Karl Lagefeld ist ganz offensichtlich nicht von der alten Schule, weiß aber genau wie er Modernität und traditionelles Handwerk verbindet. Vielleicht wird auch noch in der kleinen Welt des Knize weitergedacht bevor sie ihre Türen endgültig schließen müssen.

Marseille

15 Jun

Château d’If

Das Château d’If liegt auf der I´ll d´if, einer Ausflugsinsel etwa eine Seemeile von Marseilles entfernt. Es ist bei Touristen sehr beliebt, da Alexandre Dumas Roman „Der Graf von Monte Christo“ von dieser Insel inspiriert ist.

Bei seiner Erbauung im 16.Jahrhundert war das Château d’If also Festungsanlage, zum Schutz der Stadt gedacht. Es wurde aber schon wenig später damit begonnen, es als Gefängnis zu nutzen.

Abbaye St-Victor

Dieses Kloster wurde um das Jahr 1000, über dem Grab eines römischen Märthyrers erbaut. Heute noch kann man in den Katakomben die marmornen Särge aus der Römerzeit besichtigen.

Heute wirkt die Kirche wie eine Festung, da über die Jahrhunderte einige Anbauten dazu kamen.

Marseiller Seifen:

Die Stadt ist sehr berühmt, für ihre Seifenfabrikation, die sie in der Vergangenheit zu einer blühenden Metropole gemacht hat. Marseiller Seife ist heute noch für ihre hochwertigen, natürlichen Inhaltsstoffe bekannt (hauptsächlich Olivenöl).

Es war Ludwig XIV., der begann,  Seifensieder nach Frankreich zu holen und sie dort anzusiedeln und legte damit den Grundstein für den Aufstieg zu einer führenden Metropole, was Seifenproduktion anging. Durch das Edikt von Colbert (1688) wurde erstmals festgelegt, dass nur pures Olivenöl in die Seifen kommen durfte.
Noch heute ist die Stadt für ihre Seife sehr bekannt und sie ist in ihrer Qualität noch immer sehr hochwertig. Wer durch die Stadt geht kann kaum die vielen Seifengeschäfte bzw. das Angebot an Seifen auf den Märkten übersehen.

Quellen:http://www.savon-de-marseille.de/geschichte.html

http://www.cosmotourist.de/reisen/d/i/1191027/tab/5/t/marseille/sehenswuerdigkeiten/)