Down The Rabbit Hole!!

1 Jul

Hübsch sehen sie aus, die jungen Damen in
Ihren adretten Kleidern. Schleifen am Kopf und
Kleinmädchenschuhe an den Füßen. „Lolita“
Heißt diese Subkultur aus Japan und ist dank
Dem gleichnamigen Roman von Vladimir
Nabokov als eine Szene von männermordenden Mädchen verschrien – fälschlicherweise        allerdings, denn eigentlich geht’s den Anhängerinnen dieser Mode-erscheinung genau um das Gegenteilige… augenscheinlich zumindest.

Wie man auf dem Bild – ein Scan des Szenemagazins „Gothic & Lolita Bible“ – erkennen kann, sind beide junge Frauen in Outfits gekleidet, die am ersten Blick an Kinderkleidung des 19. Jahrhunderts erinnern. Die Haare ordentlich gekämmt, das Gesicht hübsch und fast puppenhaft geschminkt und die Kleider mit langen Ärmeln versehen und auch wenn sie nur bis zum Knie reichen, tragen beide Models Kniestrümpfe, um so wenig nackte Haut wie nur möglich zu zeigen – deshalb sind die Ausschnitte der Oberteile auch hochgeschlossen! Obwohl die Lolita Mode von jungen Frauen im Alter von 15 bis 25 getragen wird, sehen alle Anhängerinnen dieser Szene aus wie kleine Kinder, was mitunter auch mit der Rocklänge zu tun hat. Wie auch schon Friedricht Theodor Vischer sehr süffisant in seinem Text „Mode und Zynismus“ anmerkt, strecken (boden)lange Kleider den weiblichen Körper und lässt ihn so optisch größer wirken – die Lolita Kleidung, welche an der Taille meist durch Schürzen eng gebunden wird und dann ab dem Hintern sehr weit ausladend ist (was an den dicken Petticoats unter den Röcken liegt), lässt die Trägerin klein und fast schon gestaucht wirken, eine Optik, die von den Szeneanhängerinnen dann noch zusätzlich durch klobige Mary Jane Schuhe und kindliche Accessoires wie Teddybären oder kleine Täschchen unterstützt wird.

Die beiden jungen Frauen auf dem Bild sind im typischen „Gothic Lolita“ Style gekleidet: schwarz und weiß mit viel Spitze, Schleifen, den typischen Ringelsocken sowie „Head Dresses“ (Kopfbedeckungen). Ebendiese komplettieren jeden Lolita Look und sind sowohl farblich als auch stilistisch an das Kleid angepasst – überhaupt wird in dieser Szene nichts dem Zufall überlassen!
Die Lolita Gemeinschaft ist eine typisch japanische Subkultur, geprägt vom übermäßigen Konsumzwang, dem die japanische Jugend in jeder Lebenslage unterliegt. Deshalb ist es auch nicht nur ein Muss, immer die neueste Mode mitzumachen und die aktuellsten Accessoires zu besitzen, nein, es muss auch alles „Brando“ sein. Dieser Ausdruck stammt von dem Englischen „brand“ ab und wie man’s sich schon denken kann: selbst nähen (und damit Individualität zeigen!) ist völlig out – wer eine ECHTE Lolita sein will, die kauft nur Markenklamotten! Dies unterschiedet die Lolita Szene auch von den in Japan sehr beliebten Cosplayern – diese Subkultur näht sich ihre Kostüme ausschließlich selbst, da die Anhänger des Cosplay ihre liebsten Anime- und Mangacharaktere darstellen und es da natürlich besser ist, die Kleidung selbst aufwendig zu produzieren, als billig produzierte Massenware zu tragen.

Die Lolita Szene ist eine kleine Armee von puppenhaft anmutenden jungen Frauen, die gerne ihr ganzes Taschengeld für Brando ausgeben (ein typisches Kleid kostet ab €200,-!) und ebendies wird von der Industrie auch ausgenutzt bis zum geht-nicht-mehr: die inzwischen unzähligen Lolita-Marken produzieren neben Kleidern auch Schuhe, Strümpfe, Hüte, Schirme, Taschen, Unterwäsche (stilecht im Bloomers Stil bis zum Knie und mit Rüschen am Hintern, so dass man meinen könnte, in Pampers zu stecken) und eigentlich alles, was eine Lolita so braucht um sich stilecht von Kopf bis Fuß zu dekorieren. Vischer hat auch dieses Verhalten in dem oben bereits angesprochenen Text sehr kritisch betrachtet und festgestellt, dass sich Frauen ganz wie’s auch Tieren in der freien Natur tun, mittels Ornamenten dekorieren, um auf sich aufmerksam zu machen. Vischer versteht dieses Verhalten in unserer Gesellschaft allerdings weniger als natürliches „Balzverhalten“, wie’s zum Beispiel bei Vögeln im schönen Gefieder üblich ist, sondern er unterstellt den Frauen, sich deshalb so aufzuhübschen, um eigentlich weniger den Männern zu gefallen, sondern weil sie untereinander im stetigen Wettstreit stehen, wer sich denn besser aufputzen kann. Wenn man sich den Markenkult so ansieht, der in der Lolita Szene exzessiv betrieben wird, dann liegt die Vermutung nahe, dass Vischer mit seiner wenn auch sehr zynischen Theorie zumindest teilweise recht hat – zumal in dieser Subkultur Männer ja nur eine sehr latente Rolle spielen!

Seit Entstehen der Szene in den 80er Jahren rühmen sich die Anhängerinnen damit, dass die Kleidungsstücke an viktorianischer Kinderkleidung orientiert ist, und auch zum Teil traditionelle Schnitte verwendet werden. Man versucht offensichtlich, zumindest nach Außen hin immer diesen historischen Faktor hervorzuheben und unterstreicht damit die (pseudo)intellektuelle Komponente dieser Jugendkultur, in der nicht geraucht, getrunken oder generell laut gefeiert wird. Weiters gerne behauptet wird, dass diese Szene gänzlich unerotisch ist (es finden sich ja auch so gut wie keine Männer – was sicherlich auch daran liegt, dass diese von der Industrie gänzlich ignoriert werden… Outfit für den Mann im Lolita Stil? Gibt’s nicht!) aber auch das stimmt nicht so ganz. Totgeschwiegen wird zum Beispiel gerne die Tatsache, dass manche der Lolitas „Enjo Kosai“ betreiben, also in ihren Kostümen auf den Schülerinnenstrich gehen – ein Problem, von dem allerdings dank dem Oben im text bereits genannten Konsumzwang ein Großteil der japanischen Jugend betroffen ist.
Dementsprechend ironisch ist die Tatsache, dass auch die viel gerühmte „historische Schnittvorlage“ mit der aktuellen Lolita Mode nicht mehr all zu viel zu tun hat – wenn man’s genau nimmt, dann sind die Kleider sogar erotisierte Versionen der originalen viktorianischen Kinderkleidung… hatte Vladimir Nabokov am Ende also vielleicht doch irgendwie recht…

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