Take Me To The Riot

1 Jul

Cast off the crutch that kills the pain, the red flag waving never meant the same. The kids of tomorrow don’t need today, when they live in the sins of Yesterday”, so beginnt ein populäres Stück der amerikanischen Punkrock Band Billy Talent. Über Musik und Text des Liedes lässt sich streiten, das Musikvideo zu dem Lied, welches 2006 von Floria Sigismondi gedreht wurde, ist allerdings sehr sehenswert und zeigt eine Jugendrevolution in einer amerikanischen Kleinstadt. Wie sich’s gehört sind die Musiker der Band, welche sich das ganze Video über vor dem Rathaus bzw. des städtischen Versammlungszentrums aufhalten und spielen, auch bei weitem die einzigen Erwachsenen in dem Musikclip. Kids im alter von 12 bis 20 brechen zuerst – bewaffnet mit roten Flaggen – aus einer Schule aus und laufen dann in einem immer größer werdenden und alles mit roten Flaggen verkleidenden Mob durch die Straße und hin zur City Hall, wo das dreieinhalb lange Video auch seinen Höhepunkt findet.

Für mich persönlich ist die Optik des Videos sehr interessant… alle Protagonisten sind im gleichen Stil gekleidet – 2006 war ja „Emo“ Hochblütezeit und da Billy Talent auch eine Szeneband ist, sind sowohl Band als auch die Teenager in schwarz gekleidet und anhand ihrer Outfits der Emo- bzw. Punkrock Subkultur zuzuordnen. Diese „Uniformen“ symbolisieren eine Einheit und Zugehörigkeit zu ein und derselben Gruppe. Wie Amann 2005 schon anmerkte, wird durch „gleichförmige Kleidung“ Gruppenzugehörigkeit sowohl innerhalb der Gruppe als auch Außenstehenden kommuniziert. Im Gegensatz zu Protestbewegungen wie sie einem aus Zeitung und TV gängig sind, sind die Kids in dem Musikvideo nicht vermummt oder verdecken ihre Gesichter mit Tüchern, Schals oder anderweitig. Man soll sehen, wer sie sind, und dass sie ein wichtiges Anliegen haben.

Wie Larissa Denk und Jan Spille in ihrem Text über kleidsamen Protest, welcher in einem Band namens „Kommt herunter, reiht euch ein…“ erschienen ist und von Protestformen handelt sehr treffend feststellen, hat Protestkleidung und damit Vermummung und Verkleidung für die Akteure in erster Linie eine Schutzfunktion. Mal von den Jahreszeiten so wie Witterungsverhältnissen abgesehen, stellen auch Polizei oder Sicherheitsdienste eine Gefahr für Protestanten dar und so ist es im Sinne des Protestierenden, sich zu schützen und vielleicht sogar anonymisieren. Ebendies ist in dem Musikvideo zu „Red Flag“ nicht notwendig – in keinem Moment werden die jungen Protestanten in ihrem Tun von der Exekutive oder sonst jemandem in ihrem Tun beeinträchtigt, ja, die ganze Stadt scheint bis auf die randalierenden Kids sogar ausgestorben zu sein!

Wenn man sich Textstellen aus dem Lied rauspickt, dann wird einem schnell klar, dass sich Billy Talent als Sprachrohr einer unzufriedenen Jugend fungieren… skurril, wenn man bedenkt, dass sich die Texte eindeutig an Jungendliche richten, die Bandmitglieder aber alle bereits jenseits der 30 Jahre alt sind und damit ja eigentlich genau zu der Menschengruppe gehören, gegen die sie zum Riot aufrufen.

„Like a fire,
Don’t need water,
Like a jury,
Needs a liar,
Like a riot,
Don’t need order,
Like a madman,
Needs a martyr.

We don’t need them.”

Auch der Teil des Refrains ”The kids of tomorrow don’t need today, when they live in the sins of Yesterday” verweist wieder darauf, dass den Kids die Zukunft gehört und sie mit den Fehlern der Elterngeneration(en) leben müssen und nun dagegen rebellieren. Unterstützt wird das noch zusätzlich von einer Szene gegen Ende des Videos, in der ein Junge von einem Podest aus Geschichtsbücher in die schreiende und tanzende Meute wirft und sie so zerstört. Die roten Seiten aus dem Buch bilden zusammen mit dem roten Rauch, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht so bald die Musik aufhört zu spielen, das Schlussbild des Videos. Die plötzliche Stille wird noch zusätzlich durch leise hallende „We want out“ Sprechchöre der Kids unterstützt so wie der Tatsache, dass alle Protagonisten russische Gasmasken tragen, die an den zweiten Weltkrieg erinnern, und anklagend in Reihe und Glied stehen.

Was ist aber nun diese „rote Flagge“, von der man im Video geradezu überschwemmt wird? Der generellen Definition zu Folge, ist eine rote Flagge ein Warnsignal – etwas, dass augenblickliche Aufmerksamkeit erfordert und meistens auch auf Irritationen stößt. In der amerikanischen Kriminalpsychologie werden Kinder und Jugendliche als „Red Flags“ bezeichnet, die von Eltern und Lehrern genauestens beobachtet werden müssen, da ihr Verhalten auffällig ist und sie sich unter Umständen zu Soziopathen entwickeln könnten (!!)… die USA hat eben für jedes „Problem“ gleich mal vorsichtshalber die passende Lösung parat.

Das Musikvideo von Billy Talent ist selbstverständlich im Vergleich zu “echten” Protestvideos inhaltlich relativ schwach, dennoch zeigt es gerade dadurch auf, womit sich die Jugend heutzutage herumschlagen muss: jung gebliebene Pseudo-Revolutionäre, die wie der Rattenfänger von Hammeln mit einfach zu verstehenden Parolen und Bildern auf die Jagd gehen. 😉

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