Wien, Paris, Bad Gastein, New York

29 Jun

Am Graben Nummer 13, im ersten Wiener Gemeindebezirk, befindet sich das Traditionshaus KNIZE. Ein Herrenaustatter. Ganz in Wiener Marnier wird man beim Eintreten von einer osteuropäischen Angestellten unfreundlich begrüßt. Eine Art Begrüßung. Gewohnt an diese Bequemlichkeit warte ich im Vorraum im Paterres des Geschäftes. Nach einer verlangten Erklärung warum ich hier wäre wird mir ein kurzer Einblick gewährt. Scheinbar rechnet man hier nicht mit Kunden. Ich muss kurz warten bis ich in den ersten Stock absteigen darf. Ein Gefühl wie vor 150 Jahren macht sich langsam in mir breit. Ein leichter Hass bereits auch. Die Welt dreht sich bei Knize noch anderes. Ich versuche mich darauf einzustimmen.

Beim genauern Hinsehen in der Wartezeit fallen mir Parfumflakons auf der alten Verkaufstheke auf. Flakons, von denen mir fremd war dass sie noch so produziert werden. Einfach gehalten in der Form. Ohne jeglichen Schnick Schnack. Ähnlich wie das Personal. Ich musste an Old Spice denken und wie sehr ich mir wünschen würde diesen Duft wieder öfter zu riechen.                              Der olifaktorische Rausch wurde von der Engelsstimme der Angestellten unterbrochen. Ich durfte nun hinauf, in das eigentliche Geschäft. Eine hölzerne Wendeltreppe sollte mich in das architektonsiche Wunderwerk Adolf Loos führen. Braunes dunkles Holz, ein moosiges Grün und aufpoliertes Metall sind die dominierenden Farben des Mobiliars. Es wirkt kühl und schlicht. Ungemütlich. Kein Mensch in Sicht. Im nächsten Raum schaut mich der fesche Verkäufer fragend an. Fleissig legt er gerade ein Hemd zusammen während ich meinen Besuch erkläre. Er wirkt gekonnt freundlich. Ich ärgere mich, über den Stempel den ich wegen der Mühe am Eingang, Knize zuvor aufgedrückt hatte.  Zu Unrecht. Eine Dame huscht aus dem toten Winkel hervor. Selber bezeichnender Kurzhaarschnitt wie ein Stock tiefer. Selber keifender Tonfall. Selbe dumme Frage. Selbe Antwort. Nun zum dritten Mal. Auch sie erklärt mir das es ein unheimlicher Aufwänd wäre unangemldet das Geschäft zu betreten. Informationen über die Geschichte und oder das Bestehen von Knize erhielt ich nicht.

Ich gehe weiter sehe mich um. Überall Anzüge traumhaft verarbeitet. An den Schultern befinden sich noch die Heftfäden, so wie es sich für wahre Meisterschneiderei gehört. Wertvolle Wollstoffe werden verwendet. Wirklich schön. Ein paar Stücke musste ich berühren. Dies geschah natürlich heimlich, der Teufel war mir auf den Spuren.

Das Revier, die Knopfleiste, die Manschetten all diese Elemente die ein Herrensakko ausmachen werden noch traditionell, nämlich von Hand gefertigt. Ganz fasziniert ging ich immer weiter in das Konstrukt vergessene Welt. Die Kabinen waren leer. Niemand war zu sehen. Keine Stimmen. Keine Musik. Stille. Architektur. Herrenkleidung. Nur ich und hinter mir der Feind. Der Geruch von Mottenkugeln fehlte.

Viel Zeit hatte ich leider nicht. Zehn Minuten um genau zu sein. Dann wurde ich charmant gebeten zu gehen. Grund dafür, ich würde die Kunden verscheuchen. Interessant nochmal, Kunden waren nicht vorhanden. Kein Wunder.

Seit Eröffnung feiert Knize 150 Jahre bestehen. Vor 150 Jahren dürfte ich wohl nicht mal das Geschäft betreten. Jetzt ist es nicht anders. Um mir ein Gefühl von verstaubten Sexismus zu holen, kann ich auch am Land in eine Autowerkstatt gehen. Nur dass ich dort bestimmt freundlicher empfangen werde, zudem nicht gebeten werde zu gehen. Neben Toppolitkern die sich beim Schneider Knize einen Maßanzug anferitgen lassen, ist mir durchaus bewusst nicht als potenzielle Kundin dort aufzutreten. Mir wurde nicht klar ob Frauen nicht willkommen sind oder Studentinnen. Vielleicht eine Kombination aus beiden.

Warum sich Menschen, Anzüge fertigen lassen und nicht einen Anzug von Stange zu kaufen, möchte ich kurz erläutern.

Fettlaibigkeit, Kurzbeinigkeit, Kurzarmigkeit oder einfach nur die Bierwampe, wie es so schön heißt, sind eine der Gründe warum auf den Schneider zurückgegriffen wird. Prestige steht schon lange nicht mehr dahinter. Dafür sind namenhafte Designeranzüge, industriell gefertigt, schon viel zu angesehen. Es ist nicht mehr schick, nicht mehr zeitgemäß.

Loos selbst spricht vom Wert korrekt auszusehen. Man möchte schön sein, wenn man nicht schön ist soll man wenigstens so wirken. Kleidung ist wie Make Up, mann kann viel vertuschen neue Identitäten schaffen.

Probleme unsere Zeit. Dick zu sein nicht in die Gesellschaft zu passen. Knize das Traditionshaus macht es passend und wirft die Kunden von Morgen schlechtweg raus.

Sich mit namenhaften Kunden wie Marlene  schmücken ist fast nicht ernstzunehmen. Aber schön dass es scheinbar mal früher, bei Knize, modern war, Frauen einzukleiden. Bedenklich dieser Rückschritt.

Zu sagen die Schneiderkunst sei vom aussterben bedroht, eine reine Ausrede, um nicht mit der Zeit zu gehen.

Karl Lagefeld ist ganz offensichtlich nicht von der alten Schule, weiß aber genau wie er Modernität und traditionelles Handwerk verbindet. Vielleicht wird auch noch in der kleinen Welt des Knize weitergedacht bevor sie ihre Türen endgültig schließen müssen.

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