Das Refugium der letzten Gentlemen

1 Jul

Fast unscheinbar erscheint der Schneidersalon Knize, wenn man den Graben entlang geht. Ziemlich versteckt hinter einem Baugerüst befindet sich der schmale Eingang zu dem Geschäft… oder eher, den Geschäften. Zwei mal Knize ist besser als einer? Spontan entscheide ich mich für den rechten Eingang – das schwarze Marmorportal also – das sieht eher nach einem Entwurf von Adolf Loos und damit meinem Besuchsgrund aus, und mit einem Schritt durch die offene Türe trete ich in eine andere Welt ein.

Das Erste, das auffällt, ist die Stille in dem Salon. Kein lästiges Fahrstuhlgedüdel oder nervige Radiobeschallung – bei Knize setzt man auf freundliche Begrüßung und redet eigentlich nur dann mit den Kunden, wenn’s unbedingt notwendig ist. Immer schön auf nobler Distanz bleiben. Das Personal ist nebst ausgesprochen höflich und hilfsbereit selbstverständlich auch dem exklusiven Schneidersalon angepasst standesgemäß gekleidet. Die Kombination aus professionell-mütterlich wirkenden, älteren Damen und jungen, feschen Dressmen ist wie alles hier perfekt auf das Zielpublikum des Herrenausstatters abgestimmt, bringt mich als junge Studentin in Jeans und Turnschuhen – und damit eindeutig mit einem Blick als nicht Teil dieser Zielgruppe einzuordnen – allerdings nur zum schmunzeln.

Die Atmosphäre im Laden ist geprägt von fast übertriebenem Luxus und Eleganz so wie klassischem, britischen Stil. Die Möblierung ist ausschließlich in Rosenholz, Glas und Messingbeschlägen gehalten, offenbar über die Jahre hinweg stark verwendet aber immer gepflegt und geliebt worden und demnach auch sehr gut erhalten. Als Liebhaberin von Antiquitäten finde ich das schlagartig charmant. Der grüne Teppichboden ist an manchen Stellen recht abgelaufen, aber das stört nicht… im Gegenteil! Man hat den Eindruck, als wäre das Geschäftslokal – und Personal – in der Zeit stehen geblieben. Clever tarnen sich die Verkäufer in ihren faltenfreien und tadellosen Anzügen und sehen dabei aus, als wären sie Teil des Inventars… sind sie in einer gewissen Art und Weise auch. Adolf Loos merkt seinem Werk „Warum ein Mann gut angezogen sein soll“ diesbezüglich sehr treffend an, dass man als Mann dann gut angezogen ist, wenn man korrekt angezogen ist und das heißt wiederum, man hat so angezogen zu sein, dass man am wenigsten auffällt – sich quasi in seiner Umgebung wie ein Chamäleon perfekt tarnen kann, demnach nicht durch ein schlechtes Outfit im Mittelpunkt steht und dadurch (negativ) auffällt. Das gelingt den freundlichen Verkäufern nur all zu perfekt. Einmal nicht aufgepasst, und schon dreht man sich um und blickt auf eine sich plötzlich bewegende Schaufensterpuppe, die einen freundlich anlächelt und fragt: „Kann ich Ihnen helfen?“. Erwischt.

In dem hohen, schmalen Eingangsbereich türmen sich Hemdschachteln, Krawatten, mit Schleifchen zusammengebundene Unterhosen und anderes Kleinzeug präzisiös Bug-auf-Bug (wie man’s halt von der Mama gelernt hat!) zusammengefaltet in Regalen und Vitrinen. Staub oder Fingertapper am Glas sucht man hier natürlich vergeblich. Auf die Frage, ob ich mich ein bisschen umsehen darf, werden ich sofort freundlich die Treppe hoch in das Mezzanin geschickt und aha! Der Laden ist wohl doch größer, als zuerst gedacht!

Über einen recht unschönen und sich auch schon an einigen Stellen hebenden Laminat in der selben Farbe wie der Teppichboden geht’s die ansonsten traumhafte Holztreppe auf leisen Sohlen hinauf in den Bauch des Salons und schnell sieht wird mir klar, dass ich Knize in der Tat größentechnisch um einiges unterschätzt habe, als ich Anfangs im Eingangsbereich gestanden bin! Das Mezzanin lässt einen fast glauben, man habe eine Zeitreise zurück ins Jahr 1910 angetreten und schlagartig fühle ich mich nicht nur fehl am Platz sondern auch noch furchtbar underdressed – Messinggeländer, Jugendstillampen, Lederfauteuils (sicher genauso Originale wie die Empfangsdame!) und überall teuer aussehende Teppiche auf dem Teppichboden, um bestimmte Bereiche zu zonieren… oder vielleicht auch nur, um besonders kahle Stellen abzudecken, wer weiß. An den Wänden finden sich Kupferstiche von Reitsportszenen und ähnlich wirklich männlichen Tätigkeiten aus der Jahrhundertwende so wie diverse Auszeichnungen und Diplome der Knize Schneidermeister. Die zweifelsohne unleistbaren Kleidungsstücke (Preisschilder kann ich im ganzen Geschäft nirgendwo sichtbar an der Ware entdecken) sind fast wie in einem Museum in noblen Glasvitrinen, Schiebeschränken und in einem Fall sogar unter einem mannshohen Glassturz präsentiert und zeigen meistens ganze Ensembles zu verschiedenen Themen. Sportlich, elegant, casual,… immer luxuriös, immer mit Stil und immer von der Unterwäsche bis hin zu Hut, Stock und Regenschirm durchgestylt. Wie Adolf Loos von einem amerikanischen Philosophen zitiert: „Ein junger Mann ist reich, wenn er Verstand im Kopf und einen guten Anzug im Kasten hat“. Das mag zwar sein, nichtsdestotrotz ist man bei Knize lieber mal trotzdem schon vorher ein reicher, junger Mann, bevor man hier zum Einkaufen vorbeischlendert. Wie die Schaukästen nämlich suggerieren, ist man mit „nur“ einem läppischen Anzug keineswegs bereit, die große, weite Welt zu erobern – da tut sich ein ganzer Kosmos an Accessoires auf, die einen echten Gentlemen erst perfekt machen!

Ein letztes Mal um die Ecke gebogen, stehe ich plötzlich im Herzstück von Knize: dem Schneidersalon und der Maßabteilung. Großräumig und eingerichtet wie ein gemütliches Wohnzimmer sind die Räumlichkeiten und am liebsten würde ich es mir mit einem Tumbler Whiskey in einem der Fauteuils gemütlich machen und ein bisschen vor mich hin dösen. Ich wette, diese Idee hatten so einige Gentlemen vor mir auch in den letzten hundert Jahren. Links führt eine weiß lackierte Türe direkt in den Schneidersalon und ein geschwinder Blick bestätigt mir, dass ich in der Tat Glück habe und tatsächlich gerade darin ein Kunde bedient und vermessen wird. Stören möchte man bei so etwas natürlich nicht, deshalb tripple ich schnell wieder zurück in den Wartesalon und entdecke eine spektakuläre Lampe an der Decke, dessen Zwilling ich beim Hinausgehen aus dem Geschäft ein paar Minuten später dann auch im Eingangsbereich wieder finde.

Eine sympathische Verkäuferin führt mich zum Abschluss noch durch den neuen Zubau des Salons – konträr zu Loos Entwurf in hellem Sichtbeton gehalten und entworfen von Paolo Piva – und ehe ich’s mir versehe, bin ich auch schon durch die Kniz’sche Schallmauer wieder auf den Gehsteig ins laute Menschengetümmel und ins 21. Jahrhundert getreten. Der Lärm hat mich wieder.

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