Archiv | Mode-Atelier Knize RSS feed for this section

Das Refugium der letzten Gentlemen

1 Jul

Fast unscheinbar erscheint der Schneidersalon Knize, wenn man den Graben entlang geht. Ziemlich versteckt hinter einem Baugerüst befindet sich der schmale Eingang zu dem Geschäft… oder eher, den Geschäften. Zwei mal Knize ist besser als einer? Spontan entscheide ich mich für den rechten Eingang – das schwarze Marmorportal also – das sieht eher nach einem Entwurf von Adolf Loos und damit meinem Besuchsgrund aus, und mit einem Schritt durch die offene Türe trete ich in eine andere Welt ein.

Das Erste, das auffällt, ist die Stille in dem Salon. Kein lästiges Fahrstuhlgedüdel oder nervige Radiobeschallung – bei Knize setzt man auf freundliche Begrüßung und redet eigentlich nur dann mit den Kunden, wenn’s unbedingt notwendig ist. Immer schön auf nobler Distanz bleiben. Das Personal ist nebst ausgesprochen höflich und hilfsbereit selbstverständlich auch dem exklusiven Schneidersalon angepasst standesgemäß gekleidet. Die Kombination aus professionell-mütterlich wirkenden, älteren Damen und jungen, feschen Dressmen ist wie alles hier perfekt auf das Zielpublikum des Herrenausstatters abgestimmt, bringt mich als junge Studentin in Jeans und Turnschuhen – und damit eindeutig mit einem Blick als nicht Teil dieser Zielgruppe einzuordnen – allerdings nur zum schmunzeln.

Die Atmosphäre im Laden ist geprägt von fast übertriebenem Luxus und Eleganz so wie klassischem, britischen Stil. Die Möblierung ist ausschließlich in Rosenholz, Glas und Messingbeschlägen gehalten, offenbar über die Jahre hinweg stark verwendet aber immer gepflegt und geliebt worden und demnach auch sehr gut erhalten. Als Liebhaberin von Antiquitäten finde ich das schlagartig charmant. Der grüne Teppichboden ist an manchen Stellen recht abgelaufen, aber das stört nicht… im Gegenteil! Man hat den Eindruck, als wäre das Geschäftslokal – und Personal – in der Zeit stehen geblieben. Clever tarnen sich die Verkäufer in ihren faltenfreien und tadellosen Anzügen und sehen dabei aus, als wären sie Teil des Inventars… sind sie in einer gewissen Art und Weise auch. Adolf Loos merkt seinem Werk „Warum ein Mann gut angezogen sein soll“ diesbezüglich sehr treffend an, dass man als Mann dann gut angezogen ist, wenn man korrekt angezogen ist und das heißt wiederum, man hat so angezogen zu sein, dass man am wenigsten auffällt – sich quasi in seiner Umgebung wie ein Chamäleon perfekt tarnen kann, demnach nicht durch ein schlechtes Outfit im Mittelpunkt steht und dadurch (negativ) auffällt. Das gelingt den freundlichen Verkäufern nur all zu perfekt. Einmal nicht aufgepasst, und schon dreht man sich um und blickt auf eine sich plötzlich bewegende Schaufensterpuppe, die einen freundlich anlächelt und fragt: „Kann ich Ihnen helfen?“. Erwischt.

In dem hohen, schmalen Eingangsbereich türmen sich Hemdschachteln, Krawatten, mit Schleifchen zusammengebundene Unterhosen und anderes Kleinzeug präzisiös Bug-auf-Bug (wie man’s halt von der Mama gelernt hat!) zusammengefaltet in Regalen und Vitrinen. Staub oder Fingertapper am Glas sucht man hier natürlich vergeblich. Auf die Frage, ob ich mich ein bisschen umsehen darf, werden ich sofort freundlich die Treppe hoch in das Mezzanin geschickt und aha! Der Laden ist wohl doch größer, als zuerst gedacht!

Über einen recht unschönen und sich auch schon an einigen Stellen hebenden Laminat in der selben Farbe wie der Teppichboden geht’s die ansonsten traumhafte Holztreppe auf leisen Sohlen hinauf in den Bauch des Salons und schnell sieht wird mir klar, dass ich Knize in der Tat größentechnisch um einiges unterschätzt habe, als ich Anfangs im Eingangsbereich gestanden bin! Das Mezzanin lässt einen fast glauben, man habe eine Zeitreise zurück ins Jahr 1910 angetreten und schlagartig fühle ich mich nicht nur fehl am Platz sondern auch noch furchtbar underdressed – Messinggeländer, Jugendstillampen, Lederfauteuils (sicher genauso Originale wie die Empfangsdame!) und überall teuer aussehende Teppiche auf dem Teppichboden, um bestimmte Bereiche zu zonieren… oder vielleicht auch nur, um besonders kahle Stellen abzudecken, wer weiß. An den Wänden finden sich Kupferstiche von Reitsportszenen und ähnlich wirklich männlichen Tätigkeiten aus der Jahrhundertwende so wie diverse Auszeichnungen und Diplome der Knize Schneidermeister. Die zweifelsohne unleistbaren Kleidungsstücke (Preisschilder kann ich im ganzen Geschäft nirgendwo sichtbar an der Ware entdecken) sind fast wie in einem Museum in noblen Glasvitrinen, Schiebeschränken und in einem Fall sogar unter einem mannshohen Glassturz präsentiert und zeigen meistens ganze Ensembles zu verschiedenen Themen. Sportlich, elegant, casual,… immer luxuriös, immer mit Stil und immer von der Unterwäsche bis hin zu Hut, Stock und Regenschirm durchgestylt. Wie Adolf Loos von einem amerikanischen Philosophen zitiert: „Ein junger Mann ist reich, wenn er Verstand im Kopf und einen guten Anzug im Kasten hat“. Das mag zwar sein, nichtsdestotrotz ist man bei Knize lieber mal trotzdem schon vorher ein reicher, junger Mann, bevor man hier zum Einkaufen vorbeischlendert. Wie die Schaukästen nämlich suggerieren, ist man mit „nur“ einem läppischen Anzug keineswegs bereit, die große, weite Welt zu erobern – da tut sich ein ganzer Kosmos an Accessoires auf, die einen echten Gentlemen erst perfekt machen!

Ein letztes Mal um die Ecke gebogen, stehe ich plötzlich im Herzstück von Knize: dem Schneidersalon und der Maßabteilung. Großräumig und eingerichtet wie ein gemütliches Wohnzimmer sind die Räumlichkeiten und am liebsten würde ich es mir mit einem Tumbler Whiskey in einem der Fauteuils gemütlich machen und ein bisschen vor mich hin dösen. Ich wette, diese Idee hatten so einige Gentlemen vor mir auch in den letzten hundert Jahren. Links führt eine weiß lackierte Türe direkt in den Schneidersalon und ein geschwinder Blick bestätigt mir, dass ich in der Tat Glück habe und tatsächlich gerade darin ein Kunde bedient und vermessen wird. Stören möchte man bei so etwas natürlich nicht, deshalb tripple ich schnell wieder zurück in den Wartesalon und entdecke eine spektakuläre Lampe an der Decke, dessen Zwilling ich beim Hinausgehen aus dem Geschäft ein paar Minuten später dann auch im Eingangsbereich wieder finde.

Eine sympathische Verkäuferin führt mich zum Abschluss noch durch den neuen Zubau des Salons – konträr zu Loos Entwurf in hellem Sichtbeton gehalten und entworfen von Paolo Piva – und ehe ich’s mir versehe, bin ich auch schon durch die Kniz’sche Schallmauer wieder auf den Gehsteig ins laute Menschengetümmel und ins 21. Jahrhundert getreten. Der Lärm hat mich wieder.

Advertisements

HERRENAUSSTATTER KNIZE – ZEITPORTAL IN EINER HEKTISCHEN WELT

29 Jun

„Die Mode […] das Tempo ihres Wandels unaufhörlich steigernd – ist nur die Verdichtung eines zeitpsychologischen Zuges. Unsere innere Rhythmik fordert immer kürzere Perioden im Wechsel von Eindrücken.“ (Simmel, 1908)

Hektisches Treiben am Stephanplatz, auch am Graben Massen an bunten Menschenpunkten; eilenden Schrittes, telefonierend, den Laptop unterm Arm kämpfen sich Businessfrauen und –männer durch die nicht minder gestresst wirkenden ’neuen FlaneurInnen’, welche von einem überfüllten Geschäft zum anderen taumeln – überwältigt von der Reizüberflutung des ständig wechselnden Überangebotes. Mode, Mode überall. Konsum, Konsum.

Ein Blickschwenk nach links, Graben 13. Ornamentlose dunkelgraue Steinfassade, kaum Ausstellungsfläche. In den kleinen kofferartigen Schaukästen aus gewölbtem Glas keine schrillen Dekorationen, sondern gefaltete Hemden, säuberlich übereinander gestapelt, daneben passende Schuhe, extravagant aber nicht aufdringlich modisch. Italienisch? Bestimmt sündteuer, aber das spielt hier augenscheinlich ohnehin keine Rolle – Preisetiketten gibt es nicht, Rabattschilder kein Thema, Ausverkauf unerwünscht. Wer hier einkauft hat Lockangebote nicht nötig (zu haben).

Dazwischen der Eingang. Nicht nach KundInnen geifernd offenstehend, ohne elektronische Schiebetür sondern klein und unscheinbar. Eine konventionelle, manuell zu betätigende Flügeltür aus, in Holz eingefasstem Glas, umrandet von Vitrinen und flankiert von Schneiderpuppen, auf denen akkurat gesteckt sich klassische Herrenanzüge höchster Qualität befinden, vervollständigt mit darauf abgestimmten Accessoires aller Art. Alles Ton in Ton, versteht sich. Schlicht und Edel – Understatement mit Stil.

Durchschreitet Mensch diese mysteriöse Tür ist es, als würde man direkt durch ein Zeitportal treten und abtauchen in eine andere, ferne Welt. Entschleunigung. Von 180 auf Schrittgeschwindigkeit in 0,1 Sekunden.

Eingetreten in den winzigen Straßenladen, welcher, einer Jahrhundertwende-Apotheke gleichend, mit unzähligen kleinteiligen Fächern und Ladenelementen aus edlem Hartholz ausgestattet ist, bin ich fast ein bisschen enttäuscht. Das soll der berühmte, einzigartige Modesalon Knize sein, in dem „der Glanz der Geschichte“ seit über 150 Jahren „erstrahlt“? Etwas verloren blickend, den Duft von Vergangenheit in der Nase, wende ich mich der adrett gekleideten Verkäuferin zu, welche mich sogleich, zwar etwas beirrt musternd, freundlich begrüßt. Ihre Gedanken scheinen sich hörbar zu manifestieren: Passt ‚die’ in unser exklusives Klientel? – Trotz extra für diesen Besuch moderat gewählten Outfits scheine ich dieser klar abgegrenzten Kategorie von Menschheit nicht zu entsprechen. Ungenügend. Auf meine Frage ob ich mich umsehen dürfe – Studentin der Akademie der Bildenden Künste, leider etwas später als zum vereinbarten Zeitpunkt eingetroffen – weist sie in Richtung Wendeltreppe und erläutert knapp: die Kollegen (natürlich werden die, abzüglich eines Lehrbeauftragten, ausschließlich weiblichen Personen nicht als solche bezeichnet) sind noch oben. Aha, danke. Es gibt also doch noch mehr zu sehen.

Den Blick auf den abgegriffenen aber penibel polierten Handlauf gerichtet, welcher sich etwas asymmetrisch ins Obergeschoss hochschlängelt – hier war sicher keine CNC-Präzisionsmaschine an der Fertigung beteiligt, sondern ausschließlich handwerkliches Geschick – steige ich die Treppe empor. Erst jetzt wird mir bewusst, wie still es hier ist. Es fehlt das gewohnte Kaufhausgedudel – weder einlullende Fahrstuhlmusik noch dröhnendes, Jugendlichkeit verheißendes Gebumper sind zu vernehmen, nur das Knarren der Stufen.

Die Runde gedreht, im Mezzanin angelangt wird der Blick auf den eigentlichen Verkaufsraum – korrekter Weise ist hier aufgrund der verwinkelten Abteilungen von Räumen im Plural zu sprechen – freigegeben. Das Interieur, im Jahre 1910 vom „Pionier der Moderne“ Adolf Loos gestaltet, scheint bis heute unverändert. Jener Zeit entsprechend dunkel gehalten und streng der Doktrin der Wiener Moderne folgend, die Ladenarchitektur. Dergestalt umgeben wandert man durch ornamentlose Eleganz. Unverziertes Holz, Glas, Messingbeschläge. Schlicht, jedoch über die Maßen funktional, wirken die Räumlichkeiten durch vereinzelte Akzente wie Teppiche und Luster sowie Bilder vergangener Zeiten und Zertifizierungen diverser Jahrzehnte, vor allem jedoch durch die gewählt platzierten Sitzgelegenheiten – klassische Fauteuils mit dazu passenden Beistelltischen – nicht nüchtern sondern gemütlich, einladend um zu Verweilen. Assoziationen wie englischer Salon, Studierzimmer oder Museum drängen sich auf, vielleicht auch ein bisschen Hawelka. Zeitloser Raum, dem radikalen Wandel des letzten Jahrhunderts trotzend.

„Wer die Zeichen der Zeit versteht, der lernt, das Wesentliche von Launen zu unterscheiden. Es ist eine Sache, kurzlebige Sensationen zu verkünden. Eine andere ist es, über Generationen einen Stil zu vervollkommnen und damit eine Tradition zu schaffen, die als Mythos zu bezeichnen durchaus angemessen erscheint.“ (knize.at)

Jedoch nicht nur die Einrichtung wirkt puristisch und nobel, auch die angebotene Ware liegt ohne überflüssige Dekoration in den unzähligen Vitrinen und Regalen. Exakt gefaltet, sorgfältig nach Farbe und Material sortiert, fast wie Bücher in einer Bibliothek hier Hemden, Pullover und Unterzeiher aus edelsten Geweben und Gewirken. Alles spricht: Perfekt, Korrekt. Tradition, Eleganz. Und auch in dieser Etage: Herrenanzug, Frack und Smoking als Schaustücke makellos drapiert auf Schneiderpuppen – wie unbewegliche, kopflose Sirs am Wegesrand trotzen auch sie der Veränderung. Der Schnitt des Herrenanzuges seit hundert Jahren kaum abgewandelt. Etablierte Standards verändern? Hier nicht. Subtile Anpassung für zeitgemäße Tradition. „Um dieser ewigen Jagt nach neuen Stoffen und Schnitten enthoben zu sein, wird nur zu den diskretesten Mitteln gegriffen“, dies schrieb bereits Adolf Loos. Und weiter: „Die vornehmen Kreise […] werden stets jenen Änderungen der Mode den Vorzug geben, die am wenigsten den Mittelklassen zum Bewusstsein kommen“. Nichts für „Gigerl“ und Modenarren. Bestimmt. Der Knizesche Leitsatz: „Die unausweichliche Frage nach dem eigenen Stil beginnt mit der Überwindung der Mode“ wird in diesem Hause ohne Zweifel hochgehalten; schließlich ist wahre Eleganz „ein evolutionärer Prozess, keine Revolution“.

Revolution – dieser Begriff liegt hier fern, alles in geordneten Bahnen. Die Verkäufer, adäquat zum hier herrschenden Dresscode in einen korrekt sitzenden grauen Anzug gekleidet, sprechen gedämpft aber mit fester Stimme, fast stolz. Kein hastiges Zusammenlegen und weghängen der Ware, kein eiliger Schritt. Es gilt: ‚Gut Ding braucht Weile’ – in jeder Hinsicht. Sogar die Stoffe scheinen hiervon nicht ausgenommen, die ältesten hier verwendeten sind an die 40 Jahre alt. Der Berater erklärt: bei vereinzelten Materialien sei es wie bei gutem Wein – je länger gelagert, desto besser. Die manuelle Fertigung eines Zweiteilers der Maßlinie, werde ich aufgeklärt, dauert zehn volle Arbeitstage, beinhaltet etwa 60 Arbeitsgänge und es sind rund 7.000 Nadelstiche von Hand nötig. Wow. Und  das in einer Zeit, in der Zeit bekanntlich Geld ist – aber von diesem spricht man in einem solchen Etablissement ohnehin nicht. Unschicklich.

Ob das Knizesche Prinzip nun zeitgemäß ist oder nicht bleibt dahingestellt, ob Mensch sich dieser feinen, elitären Gesellschaft mit ihren kaum merklichen aber relevanten Abgrenzungen, Normen und Ausschlüssen zugehörig fühlen möchte, freigestellt. Eines ist jedoch sicher: ein Besuch bei Knize ist ein gesellschaftskulturelles Erlebnis.

Ich trete erneut durch die magische Tür. Die rastlose Betriebsamkeit unserer Zeit hat mich wieder. Unterbewusst manifestiert sich die fiebrige Geschäftigkeit, der Puls steigt parallel zum Puls der Zeit. Unmerklich beschleunigt sich mein Schritt.

Quellenverzeichnis:

Baudelaire, Charles (1863): The Dandy. In: The Painter of Modern Life.
http://www.dandyism.net/?page_id=178

Loos, Adolf (1898 [2007]): Die Herrenmode. In: Warum ein Mann gut angezogen sein soll. Enthüllendes über offenbar Verhüllendes. Wien: Metroverlag, 2.Auflage, s 23-33.

Loos, Adolf (1898 [2007]): Damenmode. In: Warum ein Mann gut angezogen sein soll. Enthüllendes über offenbar Verhüllendes. Wien: Metroverlag, 2.Auflage, s 61-71.

Simmel, Georg (1908): Die Mode.

http://www.modetheorie.de/fileadmin/Texte/s/Simmel-Die_Frau_Mode_1908.pdf

www.knize.at

Bild 1: http://knize.at/de/content/1.html

Bild 2: http://knize.at/de/content/5.html

Wien, Paris, Bad Gastein, New York

29 Jun

Am Graben Nummer 13, im ersten Wiener Gemeindebezirk, befindet sich das Traditionshaus KNIZE. Ein Herrenaustatter. Ganz in Wiener Marnier wird man beim Eintreten von einer osteuropäischen Angestellten unfreundlich begrüßt. Eine Art Begrüßung. Gewohnt an diese Bequemlichkeit warte ich im Vorraum im Paterres des Geschäftes. Nach einer verlangten Erklärung warum ich hier wäre wird mir ein kurzer Einblick gewährt. Scheinbar rechnet man hier nicht mit Kunden. Ich muss kurz warten bis ich in den ersten Stock absteigen darf. Ein Gefühl wie vor 150 Jahren macht sich langsam in mir breit. Ein leichter Hass bereits auch. Die Welt dreht sich bei Knize noch anderes. Ich versuche mich darauf einzustimmen.

Beim genauern Hinsehen in der Wartezeit fallen mir Parfumflakons auf der alten Verkaufstheke auf. Flakons, von denen mir fremd war dass sie noch so produziert werden. Einfach gehalten in der Form. Ohne jeglichen Schnick Schnack. Ähnlich wie das Personal. Ich musste an Old Spice denken und wie sehr ich mir wünschen würde diesen Duft wieder öfter zu riechen.                              Der olifaktorische Rausch wurde von der Engelsstimme der Angestellten unterbrochen. Ich durfte nun hinauf, in das eigentliche Geschäft. Eine hölzerne Wendeltreppe sollte mich in das architektonsiche Wunderwerk Adolf Loos führen. Braunes dunkles Holz, ein moosiges Grün und aufpoliertes Metall sind die dominierenden Farben des Mobiliars. Es wirkt kühl und schlicht. Ungemütlich. Kein Mensch in Sicht. Im nächsten Raum schaut mich der fesche Verkäufer fragend an. Fleissig legt er gerade ein Hemd zusammen während ich meinen Besuch erkläre. Er wirkt gekonnt freundlich. Ich ärgere mich, über den Stempel den ich wegen der Mühe am Eingang, Knize zuvor aufgedrückt hatte.  Zu Unrecht. Eine Dame huscht aus dem toten Winkel hervor. Selber bezeichnender Kurzhaarschnitt wie ein Stock tiefer. Selber keifender Tonfall. Selbe dumme Frage. Selbe Antwort. Nun zum dritten Mal. Auch sie erklärt mir das es ein unheimlicher Aufwänd wäre unangemldet das Geschäft zu betreten. Informationen über die Geschichte und oder das Bestehen von Knize erhielt ich nicht.

Ich gehe weiter sehe mich um. Überall Anzüge traumhaft verarbeitet. An den Schultern befinden sich noch die Heftfäden, so wie es sich für wahre Meisterschneiderei gehört. Wertvolle Wollstoffe werden verwendet. Wirklich schön. Ein paar Stücke musste ich berühren. Dies geschah natürlich heimlich, der Teufel war mir auf den Spuren.

Das Revier, die Knopfleiste, die Manschetten all diese Elemente die ein Herrensakko ausmachen werden noch traditionell, nämlich von Hand gefertigt. Ganz fasziniert ging ich immer weiter in das Konstrukt vergessene Welt. Die Kabinen waren leer. Niemand war zu sehen. Keine Stimmen. Keine Musik. Stille. Architektur. Herrenkleidung. Nur ich und hinter mir der Feind. Der Geruch von Mottenkugeln fehlte.

Viel Zeit hatte ich leider nicht. Zehn Minuten um genau zu sein. Dann wurde ich charmant gebeten zu gehen. Grund dafür, ich würde die Kunden verscheuchen. Interessant nochmal, Kunden waren nicht vorhanden. Kein Wunder.

Seit Eröffnung feiert Knize 150 Jahre bestehen. Vor 150 Jahren dürfte ich wohl nicht mal das Geschäft betreten. Jetzt ist es nicht anders. Um mir ein Gefühl von verstaubten Sexismus zu holen, kann ich auch am Land in eine Autowerkstatt gehen. Nur dass ich dort bestimmt freundlicher empfangen werde, zudem nicht gebeten werde zu gehen. Neben Toppolitkern die sich beim Schneider Knize einen Maßanzug anferitgen lassen, ist mir durchaus bewusst nicht als potenzielle Kundin dort aufzutreten. Mir wurde nicht klar ob Frauen nicht willkommen sind oder Studentinnen. Vielleicht eine Kombination aus beiden.

Warum sich Menschen, Anzüge fertigen lassen und nicht einen Anzug von Stange zu kaufen, möchte ich kurz erläutern.

Fettlaibigkeit, Kurzbeinigkeit, Kurzarmigkeit oder einfach nur die Bierwampe, wie es so schön heißt, sind eine der Gründe warum auf den Schneider zurückgegriffen wird. Prestige steht schon lange nicht mehr dahinter. Dafür sind namenhafte Designeranzüge, industriell gefertigt, schon viel zu angesehen. Es ist nicht mehr schick, nicht mehr zeitgemäß.

Loos selbst spricht vom Wert korrekt auszusehen. Man möchte schön sein, wenn man nicht schön ist soll man wenigstens so wirken. Kleidung ist wie Make Up, mann kann viel vertuschen neue Identitäten schaffen.

Probleme unsere Zeit. Dick zu sein nicht in die Gesellschaft zu passen. Knize das Traditionshaus macht es passend und wirft die Kunden von Morgen schlechtweg raus.

Sich mit namenhaften Kunden wie Marlene  schmücken ist fast nicht ernstzunehmen. Aber schön dass es scheinbar mal früher, bei Knize, modern war, Frauen einzukleiden. Bedenklich dieser Rückschritt.

Zu sagen die Schneiderkunst sei vom aussterben bedroht, eine reine Ausrede, um nicht mit der Zeit zu gehen.

Karl Lagefeld ist ganz offensichtlich nicht von der alten Schule, weiß aber genau wie er Modernität und traditionelles Handwerk verbindet. Vielleicht wird auch noch in der kleinen Welt des Knize weitergedacht bevor sie ihre Türen endgültig schließen müssen.

Der Mittelpunkt der Kultur

27 Jun

Knize nach eigenen Ermessern ein Geschäft der Superlative. Wie man ihrer Homepage entnehmen kann: glanzvolle Geschichte, Fixstern am Himmel und die besten Schneider der Welt. Ein sehr kurzer Aufenthalt.

Ich öffne die Türe:

Tradition!

Knarrte der Boden.

Luxus!

Läutet die Glocke.

Willkommen in der Klassengesellschaft!

Knirschen die Zähne der Verkäuferin.

Ich nehme die erste Hürde, den „Straßenladen” und komme in den ersten Stock.

Eine Mischung aus Stille, dem Geruch von alten Kleiderschränken und einem Hauch von Staub.

Gestaltet von Adolf Loos.

Das perfekte Herrenzimmer. symbolträchtige Accessoires wie ein Reitsattel, eine Zeitung  und ein Kamin sind spielerisch in den Räumen arrangiert. Dunkle Holzvertäfelungen, dunkelgrüne Ledermöbel und Teppiche auf Teppichboden. Seit über 150 Jahren dreht sich hier alles darum mittels Anzügen,Hemden etc. „den Gentleman bis in die frühen Morgenstunden in Form[…]”[1] zu halten. Nur wenige Details weisen auf das Jahr 2010 hin. In der Ecke liegt eine Kabelrolle mit dazugehörigen mittleren Kabelsalat.

Es sind keine Kunden da, dafür vier Mitarbeiter, die in den perfekt arrangierten Räumen arbeitslos wirken. Auf der Suche nach Beschäftigung fällt der Verkäuferin zum Glück ein uns rauszuwerfen. Etikette leistet man sich nur für potenzielle Kunden, die wir A: weiblich, B: Studentinnen eindeutig nicht sind.

Ihr plausibles Argument : sie hat keine Zeit, leuchtet uns ein.

Am Mittelpunkt der Kultur sind wir aufgefallen.

Schuld hat Adolf Loos,

Propagiert er doch in seinem 1898 verfassten Text „Die Herrenmode”: jedem steht nun das Recht zu, sich wie der König anzuziehen”[2]. Was ja schön und gut klingt solange man bedenkt, dass „Recht” allein noch lange nicht die Möglichkeit bedeutet. Eigentlich geht es Loos ohnehin nur um die „beste” Gesellschaft. Denn diese müsse ihren Verstand durch gute Kleidung zur Geltung bringen.

Adolf Loos dem bei Gesprächen über Mode „angst und bang” wird, hat wie er selbst nicht ganz ohne Eigenlob schreibt „das Geheimnis gelüftet, mit dem unsere Kleidermode bisher umgeben war”.[3]

„Korrekt angezogen sein!”[4]

Der selbst ernannte Modeexperte belässt es aber nicht bei dieser These, sondern formulierte diese noch aus, und kommt so zu dem Fazit: „Um korrekt gekleidet zu sein, darf man im Mittelpunkte der Kultur nicht auffallen.”[5] Der Mittelpunkt, dieser seiner abendländischen Kultur, ist nach Loos London.

Warum aber hat Adolf Loos Schuld an meinem Rausschmiss bei Knize?

Die beste Gesellschaft hat ein Problem. Menschen aus der Mittelklasse probieren die ihrige Mode zu kopieren und imitieren, was der nicht mehr durch Kleiderordnung geschützten Oberklasse äußerst unangenehm ist. Deshalb müssen die guten Schneider neue Formen wie ein Geheimnis (vor der Mittelklasse) hüten. Man will sich ja schließlich abgrenzen.

Was sich anscheinend bei Knize bis heute gehalten hat. Wo nur das „anschauen” ihrer Welt zu massiver Ablehnung geführt hat.

Wir verlassen Knize.

Tradition!

knarrt der Boden.


[1] http://knize.at/de/content/3_6.html (Stand 6/2010)

[2] Loos, Adolf (2007[1898]): Die Herrenmode. In: ders.: Warum ein Mann gut angezogen sein soll. Enthüllendes über offenbar Verhüllendes. Wien: Metroverlag, Seite 24

[3] ebd. S.25

[4] ebd. S.25

[5] ebd. S.25