Tag Archives: Revolution

„Revolutionary Song“ von Istvan Kantor

3 Jul

„Revolutionary Song“ beginnt grell, verstörend, eindrücklich: Bildflimmern, schwarz, Bilder einer Revolution leuchtend violett eingefärbt. Das Bild wackelt, stockt, die Kirchglocken läuten,….1956….einer Revolution folgt Unterdrückung,…

Istvan Kantors neun einhalb Minuten dauernder Film ist quasi ein experimenteller, autobiographisch angehauchter Videoclib. Istvan Kantor operiert mit found footage- Material mitunter aus vergangenen Revolutionen oder Ausschnitten, die aus seinem eigenen Fundus stammen. Dazu performt er tanzend, singend, sich windend, zitternd und zuckend den „Revolution Song“.
Alles Gesprochene erscheint auch als Untertitel, eher schlagwortartig, bunt und bold über das Bild gelegt. Durch Überblendungen, schnell aneinander folgende Schnitte und die amateurhafte Kameraführung, wirkt das Ganze Nerven aufreibend, verwirrend, energisch, authentisch und eindringlich.
Der Ton wird ähnlich wie die Bilder geschnitten, abgehackt, unterbrochen und wieder weitergeführt.
Eine feierlich, festliche Hymne mit eigenem Text übersungen bzw. übersprochen. Der anklagende halb Text in Kombination mit der militärischen Musik, mit Schüssen und Krachern wirkt wie die Umcodierung des militärischen Parkas zu einem Hippi-Demo-Accessoire. Bild und Ton zusammen verschmelzen zu einem orgiastischen Krampf der Geschichten. Welche Geschichten?

Erstens: Die Geschichte der Revolutionen 1956 in Budapest, die brutal niedergeschlagen wurde und auf welche hin Istvans Vater nach Paris zieht.
ONCE AGAIN REVOLUTION BECOME AN IMPOSSIBLE DREAM.

Zweitens: Die Geschichte des 16 jährigen Sohnes der GO WEST 1966, 2 Jahre vor 68, nach Paris zu seinem Vater auf Besuch kommt. Dem Vater will seine Hippiehaarpracht nicht gefallen. Kurzerhand wird ein Friseurbesuch veranlasst und noch während sich der junge Istvan die Zerstörung von Notre Dame und Sacre Ceur, den Tod seines Vaters und in Blut getränkte Straßen wünscht, fallen seine Haare der Autorität seines Vaters zum Opfer.
Drittens: Die Geschichte der 68-Revolution. Generationenkonflikt. IT WAS THE TIME OF THE RISING HIPPIE SCUM. Die Jugend, die die stillen Monumente der Geschichte zerstört sehen will, weil die ältere Generation ebenso still wie die Monumente selbst über die Geschichte schweigt. WE DROVE TO SOME BORING MONUMENTS. I WISHED WE WOULD NEVER NEVER NEVER GET THERE! Diesen Konflikt trägt auch der 16-Jährige stillschweigend mit seinem Vater aus.
I WISHED THE TOUR D EIFFEL WOULD FALL ON MY FATHERS HEAD. I WISHED THE NOTRE DAME WOULD COLLAPSE AND STRIKE HIM DEAD.
Düüüü dü düm düm düüü, dü dü dü dü dü, düüüü dü düm dü düüüü.
THE SPARK THAT SETS FIRE ON EVERYTHING IS INSIDE OF YOU. ONLY THE DEED IS REVOLUTIONARY.

AND THE SKY REMAINED HOPELESSLY BLUE.
Die vierte Geschichte ist der „Revolution Song“ selbst. Im Jahre 2005 in Canada gedreht. Istvan Kantor als ein Künstler, 50-60 Jahre alt, kurzes, blondiertes Haar, ein „x“ verziert seine Schläfe, er trägt Anzug und Schlips, eine rote Schleife um den Arm, …punkig, jugendlich, mit Furchen im Gesicht.
Er singt von vergangenen Revolutionen, der Schönheit gescheiterten Aufruhrs und fehlgeschlagener Revolte. LETS DISCUSS THE BEAUTY OF FAILED INSURRECTION.

Nun, was hat dies alles auf einem Modeblog verloren?
Mode reagiert auf gesellschaftliche Veränderungen und gesellschaftliche Veränderungen bringen eine neue Mode.
So entwickeln die Anhänger eines Gedankens, die Träger einer Revolution meist auch Kleidungs-Codes, um deren Gesinnung zu veranschaulichen. Der Parka, die Lederjacke, Buttons, Aufnäher, Frisuren,…es gibt zahlreiche Beispiele für die Umcodierung alltäglicher Materialien zu politisch, aufgeladenen Zeichen.

Die Frisur, welche auch in Istvan Kantors Film eine zentrale Rolle spielt, wird immer wieder zum Objekt für Kämpfe zwischen den Generationen. Ludvig der 14. trug die Perücke, Napoleon den Kurzhaarschnitt, Hitler den Seitenscheitel und die Hippies ließen ihr Haar lange wachsen. Frisuren haben mitunter eine konkrete Aussage, symbolischen Charakter. Ein Friseurbesuch, vom Vater initiiert, kann als gewaltsame Zerschlagung einer beginnenden Rebellion auf Microebene gelesen werden.

„Disidenz oder Verweigerung gegenüber etablierten gesellschaftlichen Normen werden laut Dick Hebdige als Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung angesehen. Zur Wiederherstellung derselben wird Widerständiges wieder in den „vorherrschenden Bedeutungsrahmen“ eingegliedert und auf diese Weise im Sinne sozialer und kultureller Normative vereinnahmt.“ (Klaus Schönberger & Ove Sutter, 2009:228)

LONG LIVE THE SPIRIT OF SWEET 16 REBELLION…so heißt es im Revolution Song. Doch lebt dieser Geist in Istvan noch? Sein Haar, dass ihm sein Vater geschnitten hat, ist immer noch bzw. wieder kurz, er trägt keine Hippie-Klamotten, sondern Anzug und Kravatte… belächelt oder vermisst er seine Sixteen-Rebellion? Oder hat sich nur das Rebellions-Outfit verändert? Unterliegt auch die Rebellion einer Mode? Benötigt es eine gewisse Sweet-Sixteen-Spirit-Naivität, um zu rebellieren?

Irgendwie scheint es, als wären die Träume und Illusionen Istvan Kantors Jugend verträumt, ein Unverständnis für seine Wut auf alte Monumente macht sich breit, …
die „68er“ sind selbst zu einem alten Monument geworden.

Advertisements