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Mädchenhafte Brillenschlange

29 Jun

Identitätskrise? Was zur Hölle soll das den wieder sein? Bin ich jetzt eine unschuldige Primaballerina auf der falschen Bühne, eine Rockerbraut die ihre Tattoos weglasern hat lassen, oder doch eine besoffene Alice im Wunderland ohne ihren Hasen?
All das fragten sich wohl die Models die Charles Anastase für seine Sommerkollektion 2009 auf den Laufsteg schickte. Er vereint Stile miteinander, die theoretisch nicht miteinander harmonieren können. Rock’n Roll Chick küsst das unschuldige Schulmädchen mit der übergroßen Nerd-Hornbrille ebenso wie die rotzige Grunge-Göre. Und diese Vermischung von Ewigem und Flüchtigem, zahlreichen Stilbrüchen, bei denen jede Mutter ihre Tochter zurück vor den Kleiderschrank zerren und sie zwingen würde, die transparenten Strapse doch bitteschön gegen eine blickdichte Strumpfhose auszutauschen, funktioniert praktisch doch. Und das Ganze ist dazu noch sehr hübsch anzusehen.
Frau muss sich nicht entscheiden ob sie mädchenhaft oder doch mit schwarzer Retro-Rocker Jacke Champagner schlürfen geht, sondern ist/trägt einfach beides.
Quasi Gut und Böse vereint in einer Person.
Charles Anastase ist sozusagen ein König des Stilmischmasches. Seine Models und zahlreichen Fans und Anhängerinnen wie Yoko Ono, Rei Kawakubo oder Beth Dito hüpfen herum, verpackt in süße nachthemdähnliche, sehr durchscheinende Hängerkleidchen, gepaart mit groben in dunklem Leder gehaltenen sehr unbequem erscheinenden Plateau-Stilletos. Garniert werden sie mit langen weiblichen Wallehaaren, in gedämpften Farben gehaltenen Strickjäckchen, made in des Designers Mutters Nähstübchens. Das i- Tüpfelchen bilden schlussendlich kurze Lederjacken mit Schnallen und den verpflichtenden Mega-Hornbrillen, zu durchsichtigen Strapsen die verboten sexy unter den kurzen Kleidchen hervorblitzen. Seinen Models steht derweil ein Blick ins Gesicht geschrieben der vor Trotz und Teenagerrebellion nur so strotzt. Kurz und Gut, dem Designer der ehemals eher für seine Zeichnungen, Fotografien und sein Handwerk als Stylist bekannt war, gelingt es sehr gut aus jeder Frau eine kleine Primaballerina mit Lolitaattitüden zu machen, die sich jeden Moment auf ihre Harley schwingen und davon brausen könnte.
Wer träumt schließlich nicht davon wie Alice im Wunderland gekleidet, auf einer Bikerparty mit wild tätowierten Typen lauwarmes Bier zu schlürfen und zu Heavy Metal headbangend abzutanzen.
Genau dies ermöglicht der in London geborene und in Frankreich aufgewachsene Designer jeder Frau, die zu Mode und ihrer Wirkung auf den/die BetrachterIn eine leicht schizophrene Beziehung hat.
Packt die Unschuld in Rocker Manier ein und geht tanzen!

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