FRAUEN IM SMOKING Geschlechterkonstruktion durch Kleidung

3 Jul

In dem 1930 entstandenen Film „Marocco“ gibt es eine besonders berühmt, berüchtigte Szene, mit welcher ich mich im folgenden Text auseinander setzten will. Marlene Dietrich in der Rolle der Amy Jolly betritt die Bühne und trällert einen Song, raucht, trinkt, küsst und flirtet und geht wieder ab. Was macht die Szene so besonders? Es ist ihre Kleidung, denn Marlene trägt, und man muss sich dabei den zeitlichen Kontext in Erinnerung rufen, jedenfalls, sie trägt nichts Geringeres als einen Smoking. Ich versuche anhand dieser Szene eine allgemeinere Auseinandersetzung über die Konstruktion von Geschlecht durch Kleidung anzudenken.

Doch beginnen wir von vorn. Amy Jolly betritt rauchend, sicheren, festen Ganges die Bühne. Das Publikum tobt, pfeift, buht sie aus. Ein Close Up ihres hinter dem Qualm der Zigarette erscheinenden Gesichts, lässt sie im Kontrast zu dem aufgewühlten Publikum noch entspannter, cooler, lässiger wirken. Es scheint sie nichts aus der Ruhe bringen zu können. Sie scheint über all dem zu stehen. Zylinder, und Zigarette, ein sicherer, fester Gang, die kühle, nüchterne Art in dem Maß geschneiderten Anzug sind aus dem als „männlich“ geltenden Repertoir der Verhaltensmuster entliehen. Der Smoking, welcher 1930 noch als reines Männerkleidungsstück bekannt war, übernimmt sie zwar in seiner üblichen Gestalt, jedoch ihrer Figur angepasst und ihre Formen durchaus betonend. Auch die Frisur und das Gesicht lassen keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Frau handelt, und nicht um ein Männerimitat.
Die Zeichensysteme für Weiblichkeit und Männlichkeit werden hier in einer Person zusammengeführt, dies zeigt sich im weiteren Verlauf der Szene.
Nach ihrem Auftritt wird ihr von einem begeisterten Zuschauer ein Glas Champagne angeboten, sie trinkt es wenig „Lady-Like!“ innerhalb von einem Schluck leer. Eine Dame welche aufgrund ihrer Erscheinung verunsichert kichert, erlangt Amy Jollys Aufmerksamkeit. Sie bittet um deren Blume und bedankt sich bei ihr mit einem Kuss. Was war das nun? Ein Kuss zwischen Frauen? Ein Kuss zwischen einer Frau und einer zwar biologisch als Frau erkennbare, sozial geschlechtlich aber männliche Frau? Hier wird der Zuschauer durch die Ambivalenz ihrer Figur in eine Krise gebracht, da die gewohnten Geschlechtskategorien nicht ausreichen, um Marlene Dietrich in ein Rollenbild einzuteilen, wie wir es von Kind auf gewohnt sind, es zu tun. Doch das Spiel an der Grenze der Geschlechterrollen geht weiter.

Sie hebt zur Verabschiedung den Zylinder schlendert vor zur Bühne, schnuppert an der Blume und wirft sie schließlich dem Fremdenlegionär Tom Brown zu, um den sich die weiterfolgende Liebesgeschichte drehen wird. Hier kündet sich also, nach dem gleichgeschlechtlichen Flirt, eine heterosexuelle Liebschaft an. Doch ist auch das Werfen der Blume mit einem homosexuellen Unterton gefärbt, da es zwar eine Frau, aber mit allen männlichen Signalen ist, die dem Mann hier den Hof macht.
Marlene Dietrich distanziert sich in dieser Szene vom klassischen Frauenbild, ohne jedoch einen Mann zu imitieren. Sie küsst eine Frau und flirtet doch mit einem Mann. Durch das Durchkreuzen der gängigen Geschlechtsinszenierungen und Geschlechtsverhaltensmuster, wird sie geschlechtlich uneindeutig. Der Smoking spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie eignet sich hier ein Kleidungsstück an, dass bislang nur von den Männern getragen werden durfte. Mit dem Anzug eignet sie sich aber auch die Freiheiten, die Macht und die Autorität an, die bislang der Männerwelt zugesprochen wurden. Sie raucht, sie küsst, sie steigt über ein Geländer, sie säuft, sie macht den 1. Schritt und wirft einem Mann die Blume zu.

Durch die Inszenierung der Amy Jolly im Smoking werden die gängigen Bilder von Mann und Frau über den Haufen geworfen. An der Szene kann man beobachten, wie durch Kleidung Geschlecht konstruiert wird, bzw. dekonstruiert werden kann. Die Zuordnung in männlich oder weiblich erfolgt, über kulturell erzeugte Geschlechtszeichen. Kleidung ist hierbei ein wichtiges Mittel. Sie verdeckt die primären Geschlechtsmerkmale, und schafft gleichzeitig neue Zeichen, um das Geschlecht, dem wir uns bzw. andere uns zuordnen zu formen. Die Mode überformt die natürlichen Formen, schafft künstlich einen neuen Körper, ein Ideal, ein Geschlecht. Sie verstärkt den Unterschied zwischen Mann und Frau.
Durch die Inszenierung des Geschlechts mit Hilfe der Kleidung, wird jeder/jede zum/zur DarstellererIn von Geschlecht, sprich: trägt dazu bei, die Kategorien Mann und Frau zu produzieren. Um sich als Geschlecht zu inszenieren, muss man sich mit einem Geschlecht identifizieren können. Dies hat aber nicht nur mit unserer Anatomie zu tun, sondern auch mit einer ganzen Reihe an Fähigkeiten, Aufgaben, Vorlieben, Freiheiten, Chancen welche mit dem Rollenbild Frau oder Mann einhergehen. Auch wenn heute die Grenzen zwischen den Geschlechtern eine Auflockerung erfahren haben, verspüre ich immer noch sehr stark, gerade in Sachen Kleidung, klare strikte Grenzen, was die Geschlechterkategorien betrifft. Wenn Adolf Loos davon spricht, dass der Mann korrekt gekleidet sein muss, den Ernst der Welt, die Vernunft und den Verstand ausdrückend in Smoking, Hut und Kravatte auftritt und dass die Frau durch sinnliche Kleidung auf sich aufmerksam macht, damit sie die Liebe des Mannes erringt, dann kann ich, obwohl dieser Text 1898 geschrieben wurde und dazwischen jede Menge Emanzipation und Gendertheorie betrieben wurde, Parallelen ziehen. Und ich wage mich sogar zu der Behauptung vor, dass man an Hand der Kleidung erkennen kann, dass die Gendertheorien nur sehr langsam in unsere Alltagskultur sickern. Ich bedauere dies und sehe in der Kleidung ein ungeheures Potential Gleichbehandlung, Gleichstellung von Mann und Frau voranzutreiben. Ich denke, dass Push-Up-BHs und Schulterpolster in ihrer herkömmlichen Verwendungsweise zu hinterfragen sind. Und will mich an dieser Stelle, nicht nur für eine Gender gerechte Ausdrucksweise in Texten, sondern auch für eine Gender gerechte Ausdrucksweise in Sachen Mode aussprechen.

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