Archiv | Juni, 2010

Rue de la Canebière

29 Jun

La Canebiere ist die ehemalige Prachtstraße Marseilles. Sie verläuft vom alten Hafen weg, bis hin zu Kirche St. Vincent de Paul, die Kirche der Reformierten.

Die Canebière wurde 1666 im Zuge der von Ludwig dem XIV. angeordneten Stadterweiterung angelegt. Ihr Name wird vom Wort „Canebe“ – Hanf – abgeleitet, was an die Seilmacher erinnern soll, die hier ab dem Mittelalter ansässig waren. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Straße bis zum Hafen verlängert, als das Grand Arsenal verlegt wurde. Die großartigen Gebäude der ehemaligen Prunkstraße entstanden erst im Anschluss an diese Verlängerung und im Laufe der Kolonialzeit.

Dank der Cafés, großen Hotels und Geschäfte, die zahlreiche Intellektuelle und Geschäftsleute anziehen, erwirbt die Canebière Weltruhm und wird zu einem Symbol für die Hafenstadt Marseille. Offiziell führt die Canebière seit 1928 vom Alten Hafen bis zur Kirche Les Réformés.
Einige der an der Canebière stehenden Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Außerdem findet der berühmte Weihnachtsmarkt von Marseille seit 1803 auf der Rue de la Canebière statt.

Seit den 70er Jahren hat die einstige Prachtstraße aber ihren Charme verloren. Durch den Verkehrszuwachs ist sie zu einer vielbefahrenen Straße geworden. Sie wird auch gerne mit der in Paris gelegenen Avenue des Champs-Élysées verglichen.

Zwischen Cours Belsunce beziehungsweise Cours Saint-Louis und Boulevard Dugommier/Boulevard Garibaldi gibt es überwiegend bereits verfallende oder vernachlässigte Fassaden.

Es wird bereits daran gearbeitet, die gesamte Straße mit Umgebung wieder lebenswerter zu gestalten, z.B mit der Erneuerung der alten Straßenbahnstrecke und neuen Wagen der „Tramway 68“.

Einige Gebäude haben allerdings besonders schöne Fassaden aus dem 18. und 19. Jh., zum Beispiel des Börsengebäude und die Gebäude der heutigen Kaufhäuser Monoprix und C & A

Nun noch ein paar Sehenswürdigkeiten:

Hôtel de Noailles

Dieses schöne Hotel wurde 1865 vom Architekten Bérengier erbaut. Das Luxushotel, in dem bedeutende Persönlichkeiten wie auch Künstler und Politiker wohnten, wurde bis 1979 betrieben.
Im übrigen waren sämtliche Hotels der Rue Noailles so berühmt, dass ihnen in der lokalen Zeitung sogar eine eigene Rubrik gewidmet wurde. Heute ist das „Noailles“, das nach wie vor zu einer der besten Adressen in Marseille gehört, ein Bürogebäude.

Die Oper

Zahlreiche, über die ganze Stadt verteilte Bühnen zeugen vom Interesse der Bevölkerung von Marseille für Theater und Oper. Das „Grand Théâtre“ wurde nachh dem Abriss des Arsenals erbaut.

Das „Grand Théâtre“, wurde vom des Architekten Bernard im neoklassizistischen Stil erbaut. 1919 wurden Bühne und Saal vollständig durch einen Brand zerstört; nur die tragenden Wände und die Steinfassade blieben erhalten. Von 1921 bis 1924 wurde die Oper im Art Déco-Stil wieder aufgebaut. Castels Idee war, eine Vielfalt von Künstlern zu bitten, an dem Bau mitzuwirken, und dies in den verschiedensten Bereichen: Malerei, Skulptur, Mosaik, Kunstschmiedearbeiten, usw.

Die Marseiller Oper ist weltweit eines der wenigen Beispiele von im Art Déco-Stil gestalteten öffentlichen Bauten.

Das Café Turc

Das Café Turc war eins der ersten exklusiven Cafés auf der Canebière. Es war mit einem orientalischen Salon eingerichtet und hatte, um die Weltoffenheit der Stadt zu symbolisieren, eine Uhr, die die Uhrzeiten von der Türkei, China, Arabien und Europa anzeigte. Leider wurde das Café Turc, mit seinem besonderen Flair, nach dem ersten Weltkrieg geschlossen.

Das „Monument aux Mobiles“

Das „Monument aux Mobiles“ wurde 1894 für die im Krieg von 1870 gefallenen Soldaten errichtet. Es zeigt die Verkörperung des bewaffneten Frankreichs, zu deren Füßen tapfere Soldaten liegen. Das Gefallenendenkmal ist häufig der Ausgangspunkt von Demonstrationen, aber auch von Paraden und Umzügen, wie z. B. am Nationalfeiertag, dem 14. Juli, oder beim Karneval, wo die Helden des Tages unter dem Jubel des stets zum Feiern aufgelegten Publikums stolz ihre Kostüme auf der Canebière vorführen.

Les allées de Meilhan

Die Allées de Meilhan bilden den letzten Abschnitt der Canebière. Der Ausbau im Jahr 1666 sah eine öffentliche Promenade vor den Toren der Stadt vor. Die Bauarbeiten wurden 1775 abgeschlossen. Die Allee war damals berühmt für ihre Tanzlokale, in denen sich vor allem die jungen Leute amüsierten.
Der Stil der Gebäude unterscheidet sich grundlegend von dem der auf der Canebière und der Rue Noailles stehenden Bauten, die zum Großteil Ende des 18. Jahrhunderts errichtet wurden. Auf diesem Teilstück der Canebière findet der alljährliche Weihnachtsmarkt statt, eine der lebendigsten und beliebtesten Traditionen in Marseille.
Am Ende der Revolution begann ein Marseiller mit  der Herstellung von bemalten Tonfiguren, den „Santouns“, was so viel heißt wie kleine Heilige, diese werden an Weihnachten als Krippenfiguren verwendet.

Die Geschichte des Weihnachtsmarkts reicht bis zur französischen Revolution zurück, und macht ihn somit zum ältesten Markt für provenzalische Krippenfiguren.
Weihnachten 1803 wurden erstmals die Santouns auf dem Markt verkauft.

Der Weihnachtsmarkt von Marseille wird jedes Jahr am letzten Sonntag im November eröffnet und dauert bis zum 31. Dezember.

Kirche Les réformés, St. Vincent de Paul

Im 14. Jahrhundert ließen sich die Augustiner-Eremiten am Alten Hafen nieder, wo heute die Kirche Saint-Ferréol steht. Im 16. Jahrhundert wurde der Orden reformiert und erbaute als neuer Orden am Ende der Canebière ein neues Kloster. Im Jahre 1803 wurde in dem ständig anwachsenden Viertel eine neue Gemeinde gegründet.

Johanna Mark & Sophie Lingg

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Mädchenhafte Brillenschlange

29 Jun

Identitätskrise? Was zur Hölle soll das den wieder sein? Bin ich jetzt eine unschuldige Primaballerina auf der falschen Bühne, eine Rockerbraut die ihre Tattoos weglasern hat lassen, oder doch eine besoffene Alice im Wunderland ohne ihren Hasen?
All das fragten sich wohl die Models die Charles Anastase für seine Sommerkollektion 2009 auf den Laufsteg schickte. Er vereint Stile miteinander, die theoretisch nicht miteinander harmonieren können. Rock’n Roll Chick küsst das unschuldige Schulmädchen mit der übergroßen Nerd-Hornbrille ebenso wie die rotzige Grunge-Göre. Und diese Vermischung von Ewigem und Flüchtigem, zahlreichen Stilbrüchen, bei denen jede Mutter ihre Tochter zurück vor den Kleiderschrank zerren und sie zwingen würde, die transparenten Strapse doch bitteschön gegen eine blickdichte Strumpfhose auszutauschen, funktioniert praktisch doch. Und das Ganze ist dazu noch sehr hübsch anzusehen.
Frau muss sich nicht entscheiden ob sie mädchenhaft oder doch mit schwarzer Retro-Rocker Jacke Champagner schlürfen geht, sondern ist/trägt einfach beides.
Quasi Gut und Böse vereint in einer Person.
Charles Anastase ist sozusagen ein König des Stilmischmasches. Seine Models und zahlreichen Fans und Anhängerinnen wie Yoko Ono, Rei Kawakubo oder Beth Dito hüpfen herum, verpackt in süße nachthemdähnliche, sehr durchscheinende Hängerkleidchen, gepaart mit groben in dunklem Leder gehaltenen sehr unbequem erscheinenden Plateau-Stilletos. Garniert werden sie mit langen weiblichen Wallehaaren, in gedämpften Farben gehaltenen Strickjäckchen, made in des Designers Mutters Nähstübchens. Das i- Tüpfelchen bilden schlussendlich kurze Lederjacken mit Schnallen und den verpflichtenden Mega-Hornbrillen, zu durchsichtigen Strapsen die verboten sexy unter den kurzen Kleidchen hervorblitzen. Seinen Models steht derweil ein Blick ins Gesicht geschrieben der vor Trotz und Teenagerrebellion nur so strotzt. Kurz und Gut, dem Designer der ehemals eher für seine Zeichnungen, Fotografien und sein Handwerk als Stylist bekannt war, gelingt es sehr gut aus jeder Frau eine kleine Primaballerina mit Lolitaattitüden zu machen, die sich jeden Moment auf ihre Harley schwingen und davon brausen könnte.
Wer träumt schließlich nicht davon wie Alice im Wunderland gekleidet, auf einer Bikerparty mit wild tätowierten Typen lauwarmes Bier zu schlürfen und zu Heavy Metal headbangend abzutanzen.
Genau dies ermöglicht der in London geborene und in Frankreich aufgewachsene Designer jeder Frau, die zu Mode und ihrer Wirkung auf den/die BetrachterIn eine leicht schizophrene Beziehung hat.
Packt die Unschuld in Rocker Manier ein und geht tanzen!

Marseille – eine kosmopolitische Stadt

27 Jun

Frankreich hat eine lange Zuwanderungsgeschichte vorzuweisen, denn bereits im 18. und 19. Jahrhundert, wurden im Zuge der Industrialisierungsprozesse Einwanderer aufgenommen. Die im ganzen Land sinkende Geburtenrate und die damit ausbleibenden Arbeitskräfte mussten irgendwie kompensiert werden und so wurde ein Anwerbeabkommen abgeschlossen. Zu Beginn der 1930er Jahre war Frankreich neben den USA das zweitwichtigste Einwanderungsland der Welt (Verhältnis zur Gesamtbevölkerung). Im Jahre 1974 wurde jenes Anwerbeprogramm eingestellt und seitdem zählt die Familienzusammenführung zahlenmäßig zu der wichtigsten Form der Zuwanderung. Nachdem in den 1990er Jahren eine „Null-Einwanderungs-Politik“ vertreten wurde, wurde diese Form der Migration zunehmend erschwert.

Mit einem Ballungsgebiet von 1,35 Millionen Einwohnern, ist Marseille die drittgrößte Agglomeration Frankreichs. Durch die Eröffnung des Suezkanals 1869, wurde Marseille der größte Hafen des Mittelmeeres und damit einer der beliebtesten Orte für Einwanderer. Nach dem 2. Weltkrieg entstanden viele neue Arbeitsplätze, wodurch tausende Einwanderer aus Kolonien, insbesondere Algerien (sog. Pieds-Noirs), sich im Norden der Stadt in den sogenannten „Bidonvilles“ (Elendsviertel) niederließen.

Als Vorsitzender der Front National wurde Le Pen, ein rechtsextremer Politiker, 2004 Abgeordneter im Parlament und versuchte die Region Provence, Alpes, Côte d´Azur zu erobern. Vor Allem in Marseilles gab es dagegen Demonstrationen mit Aufschriften wie „Wir sind alle Kinder von Immigranten, 1.-2.-3. Generation“. Dies verdeutlicht noch einmal die Multikulturalität und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Stadt.

Der Politologe Jean Viard, auch der Denker von Marseille genannt, hat dies in einen schönen Zitat erfasst: „Was die Dynamik einer Stadt ausmacht, ist ihre Vergangenheit und die Erinnerung daran. Die Kompetenz ihrer Bewohner und der Austausch zwischen Nah und Fern, zwischen verschiedenen sozialen Schichten, Herkünften, Kuturen. Eine homogene Stadt, ob sie nun arm oder reich ist, kann nicht kreativ sein. Insofern hat Marseille mehr Vorzüge als so manch andere Stadt Europas.“

Julia und Fabio

Der Mittelpunkt der Kultur

27 Jun

Knize nach eigenen Ermessern ein Geschäft der Superlative. Wie man ihrer Homepage entnehmen kann: glanzvolle Geschichte, Fixstern am Himmel und die besten Schneider der Welt. Ein sehr kurzer Aufenthalt.

Ich öffne die Türe:

Tradition!

Knarrte der Boden.

Luxus!

Läutet die Glocke.

Willkommen in der Klassengesellschaft!

Knirschen die Zähne der Verkäuferin.

Ich nehme die erste Hürde, den „Straßenladen” und komme in den ersten Stock.

Eine Mischung aus Stille, dem Geruch von alten Kleiderschränken und einem Hauch von Staub.

Gestaltet von Adolf Loos.

Das perfekte Herrenzimmer. symbolträchtige Accessoires wie ein Reitsattel, eine Zeitung  und ein Kamin sind spielerisch in den Räumen arrangiert. Dunkle Holzvertäfelungen, dunkelgrüne Ledermöbel und Teppiche auf Teppichboden. Seit über 150 Jahren dreht sich hier alles darum mittels Anzügen,Hemden etc. „den Gentleman bis in die frühen Morgenstunden in Form[…]”[1] zu halten. Nur wenige Details weisen auf das Jahr 2010 hin. In der Ecke liegt eine Kabelrolle mit dazugehörigen mittleren Kabelsalat.

Es sind keine Kunden da, dafür vier Mitarbeiter, die in den perfekt arrangierten Räumen arbeitslos wirken. Auf der Suche nach Beschäftigung fällt der Verkäuferin zum Glück ein uns rauszuwerfen. Etikette leistet man sich nur für potenzielle Kunden, die wir A: weiblich, B: Studentinnen eindeutig nicht sind.

Ihr plausibles Argument : sie hat keine Zeit, leuchtet uns ein.

Am Mittelpunkt der Kultur sind wir aufgefallen.

Schuld hat Adolf Loos,

Propagiert er doch in seinem 1898 verfassten Text „Die Herrenmode”: jedem steht nun das Recht zu, sich wie der König anzuziehen”[2]. Was ja schön und gut klingt solange man bedenkt, dass „Recht” allein noch lange nicht die Möglichkeit bedeutet. Eigentlich geht es Loos ohnehin nur um die „beste” Gesellschaft. Denn diese müsse ihren Verstand durch gute Kleidung zur Geltung bringen.

Adolf Loos dem bei Gesprächen über Mode „angst und bang” wird, hat wie er selbst nicht ganz ohne Eigenlob schreibt „das Geheimnis gelüftet, mit dem unsere Kleidermode bisher umgeben war”.[3]

„Korrekt angezogen sein!”[4]

Der selbst ernannte Modeexperte belässt es aber nicht bei dieser These, sondern formulierte diese noch aus, und kommt so zu dem Fazit: „Um korrekt gekleidet zu sein, darf man im Mittelpunkte der Kultur nicht auffallen.”[5] Der Mittelpunkt, dieser seiner abendländischen Kultur, ist nach Loos London.

Warum aber hat Adolf Loos Schuld an meinem Rausschmiss bei Knize?

Die beste Gesellschaft hat ein Problem. Menschen aus der Mittelklasse probieren die ihrige Mode zu kopieren und imitieren, was der nicht mehr durch Kleiderordnung geschützten Oberklasse äußerst unangenehm ist. Deshalb müssen die guten Schneider neue Formen wie ein Geheimnis (vor der Mittelklasse) hüten. Man will sich ja schließlich abgrenzen.

Was sich anscheinend bei Knize bis heute gehalten hat. Wo nur das „anschauen” ihrer Welt zu massiver Ablehnung geführt hat.

Wir verlassen Knize.

Tradition!

knarrt der Boden.


[1] http://knize.at/de/content/3_6.html (Stand 6/2010)

[2] Loos, Adolf (2007[1898]): Die Herrenmode. In: ders.: Warum ein Mann gut angezogen sein soll. Enthüllendes über offenbar Verhüllendes. Wien: Metroverlag, Seite 24

[3] ebd. S.25

[4] ebd. S.25

[5] ebd. S.25

Fake it!

27 Jun

von Marianne Sorge

Ihr Kopf auf einem stolzen, perlenumwobenen Hals. Der Blick führt melancholisch aus dem Bild hinaus. Gold und Seide zieren das Haupt, krönen es. Appetitlich die bronzene Brust unter dem gespitzten Negligé. Gleißendes Licht verwischt die Konturen, lösen sie auf. Mystisch und märchenhaft; erotisch und schön; fremd und doch vertraut.

Nein, ich beschreibe nicht das exotische Covergirl des aktuellen Playboys.

Es ist das Porträt einer Frau; Algerien um 1880 – eine Postkarte. Der europäische Traum vom Orient, von Harem und Wildheit. Eine Postkarte als „Dünger des kolonialen Blicks.“ [1]

Heute wissen wir von der Inszenierung dieser Motive, von der langen Belichtungszeit, von den Studios französischer Fotografen in Algerien, Marokko und Ägypten. Wir wissen vom Mythos Orient, wissen, dass ein Harem kein Ort sexueller Ausschweifungen ist und dass sich Frauen aus dem Orient selten barbusig auf der Straße zeigen. Aber wie kann eine Fotografie, eine Postkarte diesen Mythos erzeugen? Wie funktioniert er, dieser koloniale Blick?

Vielleicht nicht zuletzt durch die Einschreibungen der Mode, die diese Fantasie zum Leben erwecken und mit vertrauten Codes eine vermeintlich orientalische Fremdheit kreieren.

Der seidene Stoff und der Schmuck um ihren Kopf scheinen noch authentisch an diesem algerischen Fotomodell. Aber schon ein paar Zentimeter weiter unten, bei der Perlenkette denke ich mehr an europäische Damen, als an Bazare und Bauchtanz. Und noch weiter unten, bei ihrer unverhüllten Brust angelangt, erinnert mich das weiße Spitzenkleid mehr an Madame Recamière und die Mode nach der französischen Revolution. An die Zeit, als der Körper der Frau Fleisch wurde – als er sichtbar werden durfte. Jene Zeit aber, die Thermidor genannt wird, in der leichte Bekleidung, ja sogar Unverhülltes en vogue waren, dauerte nicht lange und die alte Prüderie zog wieder in die Stadt. [2]                                       Um 1880, als diese Foto entstand, waren die europäischen Damen also wieder gut bekleidet und verhüllt und der voyeuristische Blick enttäuscht und unbefriedigt. Und auf Europas Suche nach neuen Möglichkeiten visueller Ausschweifungen entdeckte es vielleicht den Orient, genauer gesagt: die ‚wilden‘ Frauen des Orients. Ein wunderbarer, wilder Ort also, eine neue Heimat europäischer Gelüste. Nichts stand den nachrevolutionären Träumen im Wege, denn wie hätte er sich auch wehren sollen, der Orient.

Und wer weiß, möglich scheint es jedenfalls, zogen bald junge Fotografen aus, Abenteurer, das Wilde zu entdecken und mit ihnen die wollüstigen Kleider ihrer Großmütter im Gepäck.

Literatur:

[1] Von Braun, Christina/ Mathes, Bettina (2007): Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen. Berlin: Aufbau Verlagsgruppe.

[2] Vgl. Sennett, Richard (1983 (1977)): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.


Von modischen Schicksalen

25 Jun

PolitikerInnen und NachrichtensprecherInnen trifft das selbe Schicksal. Sie arbeiten in der Welt der schwarzen Anzüge, einfärbigen Kostümen und adretten, zementartigen Frisuren(die im Idealfall nie radikal geändert werden sollten). Denn es gilt adrett, seriös und kompetent zu wirken.

PolitikerInnenoutfits sagen oft mehr als sie selber und werden auch oft intensiver besprochen als ihre Ziele. Besondere Freude tritt natürlich dann auf, wenn ein Politiker oder eine Politikerin einen modischen Fauxpas begeht. PolitikerInnen haben nämlich offenbar ein geheimes Abkommen, eine Art Kleider Kanon mit dem auch Adolf Loos vertraut war. Er stellt nämlich in seinem Text „Die Herrenmode” von 1898 fest, dass man, um korrekt gekleidet zu sein, im Mittelpunkt der Kultur nicht auffallen darf.

Wagt ein Politiker oder eine Politikerin den Schritt aus diesem Kanon heraus, hagelt es meistens Paparazzi Fotos und zahlreiche Zeitungsartikel und das nicht nur in Klatschblättern.

Ob Karl Heinz Grasser (ehemaliger Österreichischer Finanzminister) in geblümter Badehose, Ursula Plassniks (ehemalige Österreichische Außenministerin) Vorliebe für Mustermix und sportliches Schuhwerk oder Angela Merkel mit Dekolleté. Die Freude ist immer ganz auf unserer Seite.

Um dieser Peinlichkeit zu entgehen, greifen PolitikerInnen gerne zu StilberaterInnen (Sündenböcke).

Eine eigenartige Rolle spielen auch die Politikergattinnen. Von Jackie Kennedy über Carla Bruni Sarkozy bis Michelle Obama. Mehr in der Rolle des hübschen Anhängsels ist/war es für das Image ihrer Ehemänner förderlich, im Besitz einer Ehefrau zu sein, die vor guten Geschmack sprüht. Gilt man einmal als Stilikone, hat man den Olymp des politischen Modetheaters erklommen.

Hart trifft es auch die NachrichtensprecherInnen. Verpflichtet nicht nur seriös und sympathisch, sondern auch unabhängig und emotionslos auszusehen. Eigentlich erinnert das Nachrichtensetting eher an ein Marionettentheater. Alles ist komplett durchkonstruiert. Die SprecherInnen werden eingekleidet, frisiert und geschminkt. Die Körperhaltung ist bei den meisten Nachrichten ähnlich bieder. Die Oberarme berühren den Oberkörper nicht und sind mehrere SprecherInnen im Studio, sitzen sie in einem unintimen Abstand. Der Körper wird in der Hälfte von einem Tisch zerteilt, die Füße sind nicht sichtbar. Die SprecherInnen sitzen immer auf der selben Höhe. Männliche Sprecher tragen immer dunklen Anzug mit Krawatte, weibliche Sprecherinnen einen Blazer, der ab und zu sogar geöffnet ist. Dekolleté höchstens angedeutet. Der Herrenanzug und der Blazer scheinen durch Schulterpolster und Körperhaltung der TrägerInnen von selbst zu stehen. Der Damenblazer wird, falls er offen getragen wird, mit der Knopfleiste auffällig unauffällig an dem darunter getragenen Oberteil befestigt. Gesten, Grimassen und Bewegungen werden vermieden.

In den Text Mobilität in der Bekleidung II, Optische Analysen von Ingrid Heimann analysiert die Autorin Kleidungsbewegung. Dabei geht sie davon aus, dass „Bekleidungsbewegung Körperbewegung interpretiert”[1]. Bei der Analyse eines Damenkostüms aus dem Jahr 1965 (das dem interessanterweise seit Jahrzehnten kaum veränderten Standardoutfit von Nachrichtensprecherinnen nahe kommt) schreibt sie, dass Frauenbekleidung mit der Mobilitätsstruktur einer Rüstung vergleichbar ist. Zudem war der Unterleib zu einen Großteil des letzten Jahrhunderts „unbewegt verpackt”[2]. Dazu liefert Heimann abstrakte, grafisch fragwürdige „Bewegungsbilder”(von ihr als „Körpermatrix” bezeichnet) zur detaillierteren Analyse von Bekleidungsbewegung.

So wird das Konstrukt der Fernsehnachrichten, je näher man es betrachtet, immer absurder. Umso größer ist dann natürlich auch hier die Freude der Zuseher an Versprechern, zumindest solange den SprecherInnen das Recht auf modische Fehltritte verwehrt bleibt.

Als Auflockerung gibt es dafür am Ende immer noch das Wetter. Hier dürfen sich die SprecherInnen zu Fuß durch den Raum bewegen, ausladende Gesten benutzen und bunte Oberteile zu Jeans tragen. Ein magerer Versuch die Zuschauer vor einem modischen Nachrichtentrauma zu schützen.


[1] Heimann, Ingrid(1992): Mobilität in der Bekleidung II. Optische Analysen. In: Heinrich, Bettina u.a. (Hg.): Gestaltungsspielräume. Frauen in

Museum und Kulturforschung. Tübingen: Vereinigung für Volkskunde,S. 178.

[2] ebd.: S. 182

Geschützt: Jasper Sinchai Chadprajong

23 Jun

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