HERRENAUSSTATTER KNIZE – ZEITPORTAL IN EINER HEKTISCHEN WELT

29 Jun

„Die Mode […] das Tempo ihres Wandels unaufhörlich steigernd – ist nur die Verdichtung eines zeitpsychologischen Zuges. Unsere innere Rhythmik fordert immer kürzere Perioden im Wechsel von Eindrücken.“ (Simmel, 1908)

Hektisches Treiben am Stephanplatz, auch am Graben Massen an bunten Menschenpunkten; eilenden Schrittes, telefonierend, den Laptop unterm Arm kämpfen sich Businessfrauen und –männer durch die nicht minder gestresst wirkenden ’neuen FlaneurInnen’, welche von einem überfüllten Geschäft zum anderen taumeln – überwältigt von der Reizüberflutung des ständig wechselnden Überangebotes. Mode, Mode überall. Konsum, Konsum.

Ein Blickschwenk nach links, Graben 13. Ornamentlose dunkelgraue Steinfassade, kaum Ausstellungsfläche. In den kleinen kofferartigen Schaukästen aus gewölbtem Glas keine schrillen Dekorationen, sondern gefaltete Hemden, säuberlich übereinander gestapelt, daneben passende Schuhe, extravagant aber nicht aufdringlich modisch. Italienisch? Bestimmt sündteuer, aber das spielt hier augenscheinlich ohnehin keine Rolle – Preisetiketten gibt es nicht, Rabattschilder kein Thema, Ausverkauf unerwünscht. Wer hier einkauft hat Lockangebote nicht nötig (zu haben).

Dazwischen der Eingang. Nicht nach KundInnen geifernd offenstehend, ohne elektronische Schiebetür sondern klein und unscheinbar. Eine konventionelle, manuell zu betätigende Flügeltür aus, in Holz eingefasstem Glas, umrandet von Vitrinen und flankiert von Schneiderpuppen, auf denen akkurat gesteckt sich klassische Herrenanzüge höchster Qualität befinden, vervollständigt mit darauf abgestimmten Accessoires aller Art. Alles Ton in Ton, versteht sich. Schlicht und Edel – Understatement mit Stil.

Durchschreitet Mensch diese mysteriöse Tür ist es, als würde man direkt durch ein Zeitportal treten und abtauchen in eine andere, ferne Welt. Entschleunigung. Von 180 auf Schrittgeschwindigkeit in 0,1 Sekunden.

Eingetreten in den winzigen Straßenladen, welcher, einer Jahrhundertwende-Apotheke gleichend, mit unzähligen kleinteiligen Fächern und Ladenelementen aus edlem Hartholz ausgestattet ist, bin ich fast ein bisschen enttäuscht. Das soll der berühmte, einzigartige Modesalon Knize sein, in dem „der Glanz der Geschichte“ seit über 150 Jahren „erstrahlt“? Etwas verloren blickend, den Duft von Vergangenheit in der Nase, wende ich mich der adrett gekleideten Verkäuferin zu, welche mich sogleich, zwar etwas beirrt musternd, freundlich begrüßt. Ihre Gedanken scheinen sich hörbar zu manifestieren: Passt ‚die’ in unser exklusives Klientel? – Trotz extra für diesen Besuch moderat gewählten Outfits scheine ich dieser klar abgegrenzten Kategorie von Menschheit nicht zu entsprechen. Ungenügend. Auf meine Frage ob ich mich umsehen dürfe – Studentin der Akademie der Bildenden Künste, leider etwas später als zum vereinbarten Zeitpunkt eingetroffen – weist sie in Richtung Wendeltreppe und erläutert knapp: die Kollegen (natürlich werden die, abzüglich eines Lehrbeauftragten, ausschließlich weiblichen Personen nicht als solche bezeichnet) sind noch oben. Aha, danke. Es gibt also doch noch mehr zu sehen.

Den Blick auf den abgegriffenen aber penibel polierten Handlauf gerichtet, welcher sich etwas asymmetrisch ins Obergeschoss hochschlängelt – hier war sicher keine CNC-Präzisionsmaschine an der Fertigung beteiligt, sondern ausschließlich handwerkliches Geschick – steige ich die Treppe empor. Erst jetzt wird mir bewusst, wie still es hier ist. Es fehlt das gewohnte Kaufhausgedudel – weder einlullende Fahrstuhlmusik noch dröhnendes, Jugendlichkeit verheißendes Gebumper sind zu vernehmen, nur das Knarren der Stufen.

Die Runde gedreht, im Mezzanin angelangt wird der Blick auf den eigentlichen Verkaufsraum – korrekter Weise ist hier aufgrund der verwinkelten Abteilungen von Räumen im Plural zu sprechen – freigegeben. Das Interieur, im Jahre 1910 vom „Pionier der Moderne“ Adolf Loos gestaltet, scheint bis heute unverändert. Jener Zeit entsprechend dunkel gehalten und streng der Doktrin der Wiener Moderne folgend, die Ladenarchitektur. Dergestalt umgeben wandert man durch ornamentlose Eleganz. Unverziertes Holz, Glas, Messingbeschläge. Schlicht, jedoch über die Maßen funktional, wirken die Räumlichkeiten durch vereinzelte Akzente wie Teppiche und Luster sowie Bilder vergangener Zeiten und Zertifizierungen diverser Jahrzehnte, vor allem jedoch durch die gewählt platzierten Sitzgelegenheiten – klassische Fauteuils mit dazu passenden Beistelltischen – nicht nüchtern sondern gemütlich, einladend um zu Verweilen. Assoziationen wie englischer Salon, Studierzimmer oder Museum drängen sich auf, vielleicht auch ein bisschen Hawelka. Zeitloser Raum, dem radikalen Wandel des letzten Jahrhunderts trotzend.

„Wer die Zeichen der Zeit versteht, der lernt, das Wesentliche von Launen zu unterscheiden. Es ist eine Sache, kurzlebige Sensationen zu verkünden. Eine andere ist es, über Generationen einen Stil zu vervollkommnen und damit eine Tradition zu schaffen, die als Mythos zu bezeichnen durchaus angemessen erscheint.“ (knize.at)

Jedoch nicht nur die Einrichtung wirkt puristisch und nobel, auch die angebotene Ware liegt ohne überflüssige Dekoration in den unzähligen Vitrinen und Regalen. Exakt gefaltet, sorgfältig nach Farbe und Material sortiert, fast wie Bücher in einer Bibliothek hier Hemden, Pullover und Unterzeiher aus edelsten Geweben und Gewirken. Alles spricht: Perfekt, Korrekt. Tradition, Eleganz. Und auch in dieser Etage: Herrenanzug, Frack und Smoking als Schaustücke makellos drapiert auf Schneiderpuppen – wie unbewegliche, kopflose Sirs am Wegesrand trotzen auch sie der Veränderung. Der Schnitt des Herrenanzuges seit hundert Jahren kaum abgewandelt. Etablierte Standards verändern? Hier nicht. Subtile Anpassung für zeitgemäße Tradition. „Um dieser ewigen Jagt nach neuen Stoffen und Schnitten enthoben zu sein, wird nur zu den diskretesten Mitteln gegriffen“, dies schrieb bereits Adolf Loos. Und weiter: „Die vornehmen Kreise […] werden stets jenen Änderungen der Mode den Vorzug geben, die am wenigsten den Mittelklassen zum Bewusstsein kommen“. Nichts für „Gigerl“ und Modenarren. Bestimmt. Der Knizesche Leitsatz: „Die unausweichliche Frage nach dem eigenen Stil beginnt mit der Überwindung der Mode“ wird in diesem Hause ohne Zweifel hochgehalten; schließlich ist wahre Eleganz „ein evolutionärer Prozess, keine Revolution“.

Revolution – dieser Begriff liegt hier fern, alles in geordneten Bahnen. Die Verkäufer, adäquat zum hier herrschenden Dresscode in einen korrekt sitzenden grauen Anzug gekleidet, sprechen gedämpft aber mit fester Stimme, fast stolz. Kein hastiges Zusammenlegen und weghängen der Ware, kein eiliger Schritt. Es gilt: ‚Gut Ding braucht Weile’ – in jeder Hinsicht. Sogar die Stoffe scheinen hiervon nicht ausgenommen, die ältesten hier verwendeten sind an die 40 Jahre alt. Der Berater erklärt: bei vereinzelten Materialien sei es wie bei gutem Wein – je länger gelagert, desto besser. Die manuelle Fertigung eines Zweiteilers der Maßlinie, werde ich aufgeklärt, dauert zehn volle Arbeitstage, beinhaltet etwa 60 Arbeitsgänge und es sind rund 7.000 Nadelstiche von Hand nötig. Wow. Und  das in einer Zeit, in der Zeit bekanntlich Geld ist – aber von diesem spricht man in einem solchen Etablissement ohnehin nicht. Unschicklich.

Ob das Knizesche Prinzip nun zeitgemäß ist oder nicht bleibt dahingestellt, ob Mensch sich dieser feinen, elitären Gesellschaft mit ihren kaum merklichen aber relevanten Abgrenzungen, Normen und Ausschlüssen zugehörig fühlen möchte, freigestellt. Eines ist jedoch sicher: ein Besuch bei Knize ist ein gesellschaftskulturelles Erlebnis.

Ich trete erneut durch die magische Tür. Die rastlose Betriebsamkeit unserer Zeit hat mich wieder. Unterbewusst manifestiert sich die fiebrige Geschäftigkeit, der Puls steigt parallel zum Puls der Zeit. Unmerklich beschleunigt sich mein Schritt.

Quellenverzeichnis:

Baudelaire, Charles (1863): The Dandy. In: The Painter of Modern Life.
http://www.dandyism.net/?page_id=178

Loos, Adolf (1898 [2007]): Die Herrenmode. In: Warum ein Mann gut angezogen sein soll. Enthüllendes über offenbar Verhüllendes. Wien: Metroverlag, 2.Auflage, s 23-33.

Loos, Adolf (1898 [2007]): Damenmode. In: Warum ein Mann gut angezogen sein soll. Enthüllendes über offenbar Verhüllendes. Wien: Metroverlag, 2.Auflage, s 61-71.

Simmel, Georg (1908): Die Mode.

http://www.modetheorie.de/fileadmin/Texte/s/Simmel-Die_Frau_Mode_1908.pdf

www.knize.at

Bild 1: http://knize.at/de/content/1.html

Bild 2: http://knize.at/de/content/5.html

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