Fake it!

27 Jun

von Marianne Sorge

Ihr Kopf auf einem stolzen, perlenumwobenen Hals. Der Blick führt melancholisch aus dem Bild hinaus. Gold und Seide zieren das Haupt, krönen es. Appetitlich die bronzene Brust unter dem gespitzten Negligé. Gleißendes Licht verwischt die Konturen, lösen sie auf. Mystisch und märchenhaft; erotisch und schön; fremd und doch vertraut.

Nein, ich beschreibe nicht das exotische Covergirl des aktuellen Playboys.

Es ist das Porträt einer Frau; Algerien um 1880 – eine Postkarte. Der europäische Traum vom Orient, von Harem und Wildheit. Eine Postkarte als „Dünger des kolonialen Blicks.“ [1]

Heute wissen wir von der Inszenierung dieser Motive, von der langen Belichtungszeit, von den Studios französischer Fotografen in Algerien, Marokko und Ägypten. Wir wissen vom Mythos Orient, wissen, dass ein Harem kein Ort sexueller Ausschweifungen ist und dass sich Frauen aus dem Orient selten barbusig auf der Straße zeigen. Aber wie kann eine Fotografie, eine Postkarte diesen Mythos erzeugen? Wie funktioniert er, dieser koloniale Blick?

Vielleicht nicht zuletzt durch die Einschreibungen der Mode, die diese Fantasie zum Leben erwecken und mit vertrauten Codes eine vermeintlich orientalische Fremdheit kreieren.

Der seidene Stoff und der Schmuck um ihren Kopf scheinen noch authentisch an diesem algerischen Fotomodell. Aber schon ein paar Zentimeter weiter unten, bei der Perlenkette denke ich mehr an europäische Damen, als an Bazare und Bauchtanz. Und noch weiter unten, bei ihrer unverhüllten Brust angelangt, erinnert mich das weiße Spitzenkleid mehr an Madame Recamière und die Mode nach der französischen Revolution. An die Zeit, als der Körper der Frau Fleisch wurde – als er sichtbar werden durfte. Jene Zeit aber, die Thermidor genannt wird, in der leichte Bekleidung, ja sogar Unverhülltes en vogue waren, dauerte nicht lange und die alte Prüderie zog wieder in die Stadt. [2]                                       Um 1880, als diese Foto entstand, waren die europäischen Damen also wieder gut bekleidet und verhüllt und der voyeuristische Blick enttäuscht und unbefriedigt. Und auf Europas Suche nach neuen Möglichkeiten visueller Ausschweifungen entdeckte es vielleicht den Orient, genauer gesagt: die ‚wilden‘ Frauen des Orients. Ein wunderbarer, wilder Ort also, eine neue Heimat europäischer Gelüste. Nichts stand den nachrevolutionären Träumen im Wege, denn wie hätte er sich auch wehren sollen, der Orient.

Und wer weiß, möglich scheint es jedenfalls, zogen bald junge Fotografen aus, Abenteurer, das Wilde zu entdecken und mit ihnen die wollüstigen Kleider ihrer Großmütter im Gepäck.

Literatur:

[1] Von Braun, Christina/ Mathes, Bettina (2007): Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen. Berlin: Aufbau Verlagsgruppe.

[2] Vgl. Sennett, Richard (1983 (1977)): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.


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