Der Mittelpunkt der Kultur

27 Jun

Knize nach eigenen Ermessern ein Geschäft der Superlative. Wie man ihrer Homepage entnehmen kann: glanzvolle Geschichte, Fixstern am Himmel und die besten Schneider der Welt. Ein sehr kurzer Aufenthalt.

Ich öffne die Türe:

Tradition!

Knarrte der Boden.

Luxus!

Läutet die Glocke.

Willkommen in der Klassengesellschaft!

Knirschen die Zähne der Verkäuferin.

Ich nehme die erste Hürde, den „Straßenladen” und komme in den ersten Stock.

Eine Mischung aus Stille, dem Geruch von alten Kleiderschränken und einem Hauch von Staub.

Gestaltet von Adolf Loos.

Das perfekte Herrenzimmer. symbolträchtige Accessoires wie ein Reitsattel, eine Zeitung  und ein Kamin sind spielerisch in den Räumen arrangiert. Dunkle Holzvertäfelungen, dunkelgrüne Ledermöbel und Teppiche auf Teppichboden. Seit über 150 Jahren dreht sich hier alles darum mittels Anzügen,Hemden etc. „den Gentleman bis in die frühen Morgenstunden in Form[…]”[1] zu halten. Nur wenige Details weisen auf das Jahr 2010 hin. In der Ecke liegt eine Kabelrolle mit dazugehörigen mittleren Kabelsalat.

Es sind keine Kunden da, dafür vier Mitarbeiter, die in den perfekt arrangierten Räumen arbeitslos wirken. Auf der Suche nach Beschäftigung fällt der Verkäuferin zum Glück ein uns rauszuwerfen. Etikette leistet man sich nur für potenzielle Kunden, die wir A: weiblich, B: Studentinnen eindeutig nicht sind.

Ihr plausibles Argument : sie hat keine Zeit, leuchtet uns ein.

Am Mittelpunkt der Kultur sind wir aufgefallen.

Schuld hat Adolf Loos,

Propagiert er doch in seinem 1898 verfassten Text „Die Herrenmode”: jedem steht nun das Recht zu, sich wie der König anzuziehen”[2]. Was ja schön und gut klingt solange man bedenkt, dass „Recht” allein noch lange nicht die Möglichkeit bedeutet. Eigentlich geht es Loos ohnehin nur um die „beste” Gesellschaft. Denn diese müsse ihren Verstand durch gute Kleidung zur Geltung bringen.

Adolf Loos dem bei Gesprächen über Mode „angst und bang” wird, hat wie er selbst nicht ganz ohne Eigenlob schreibt „das Geheimnis gelüftet, mit dem unsere Kleidermode bisher umgeben war”.[3]

„Korrekt angezogen sein!”[4]

Der selbst ernannte Modeexperte belässt es aber nicht bei dieser These, sondern formulierte diese noch aus, und kommt so zu dem Fazit: „Um korrekt gekleidet zu sein, darf man im Mittelpunkte der Kultur nicht auffallen.”[5] Der Mittelpunkt, dieser seiner abendländischen Kultur, ist nach Loos London.

Warum aber hat Adolf Loos Schuld an meinem Rausschmiss bei Knize?

Die beste Gesellschaft hat ein Problem. Menschen aus der Mittelklasse probieren die ihrige Mode zu kopieren und imitieren, was der nicht mehr durch Kleiderordnung geschützten Oberklasse äußerst unangenehm ist. Deshalb müssen die guten Schneider neue Formen wie ein Geheimnis (vor der Mittelklasse) hüten. Man will sich ja schließlich abgrenzen.

Was sich anscheinend bei Knize bis heute gehalten hat. Wo nur das „anschauen” ihrer Welt zu massiver Ablehnung geführt hat.

Wir verlassen Knize.

Tradition!

knarrt der Boden.


[1] http://knize.at/de/content/3_6.html (Stand 6/2010)

[2] Loos, Adolf (2007[1898]): Die Herrenmode. In: ders.: Warum ein Mann gut angezogen sein soll. Enthüllendes über offenbar Verhüllendes. Wien: Metroverlag, Seite 24

[3] ebd. S.25

[4] ebd. S.25

[5] ebd. S.25

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