Von modischen Schicksalen

25 Jun

PolitikerInnen und NachrichtensprecherInnen trifft das selbe Schicksal. Sie arbeiten in der Welt der schwarzen Anzüge, einfärbigen Kostümen und adretten, zementartigen Frisuren(die im Idealfall nie radikal geändert werden sollten). Denn es gilt adrett, seriös und kompetent zu wirken.

PolitikerInnenoutfits sagen oft mehr als sie selber und werden auch oft intensiver besprochen als ihre Ziele. Besondere Freude tritt natürlich dann auf, wenn ein Politiker oder eine Politikerin einen modischen Fauxpas begeht. PolitikerInnen haben nämlich offenbar ein geheimes Abkommen, eine Art Kleider Kanon mit dem auch Adolf Loos vertraut war. Er stellt nämlich in seinem Text „Die Herrenmode” von 1898 fest, dass man, um korrekt gekleidet zu sein, im Mittelpunkt der Kultur nicht auffallen darf.

Wagt ein Politiker oder eine Politikerin den Schritt aus diesem Kanon heraus, hagelt es meistens Paparazzi Fotos und zahlreiche Zeitungsartikel und das nicht nur in Klatschblättern.

Ob Karl Heinz Grasser (ehemaliger Österreichischer Finanzminister) in geblümter Badehose, Ursula Plassniks (ehemalige Österreichische Außenministerin) Vorliebe für Mustermix und sportliches Schuhwerk oder Angela Merkel mit Dekolleté. Die Freude ist immer ganz auf unserer Seite.

Um dieser Peinlichkeit zu entgehen, greifen PolitikerInnen gerne zu StilberaterInnen (Sündenböcke).

Eine eigenartige Rolle spielen auch die Politikergattinnen. Von Jackie Kennedy über Carla Bruni Sarkozy bis Michelle Obama. Mehr in der Rolle des hübschen Anhängsels ist/war es für das Image ihrer Ehemänner förderlich, im Besitz einer Ehefrau zu sein, die vor guten Geschmack sprüht. Gilt man einmal als Stilikone, hat man den Olymp des politischen Modetheaters erklommen.

Hart trifft es auch die NachrichtensprecherInnen. Verpflichtet nicht nur seriös und sympathisch, sondern auch unabhängig und emotionslos auszusehen. Eigentlich erinnert das Nachrichtensetting eher an ein Marionettentheater. Alles ist komplett durchkonstruiert. Die SprecherInnen werden eingekleidet, frisiert und geschminkt. Die Körperhaltung ist bei den meisten Nachrichten ähnlich bieder. Die Oberarme berühren den Oberkörper nicht und sind mehrere SprecherInnen im Studio, sitzen sie in einem unintimen Abstand. Der Körper wird in der Hälfte von einem Tisch zerteilt, die Füße sind nicht sichtbar. Die SprecherInnen sitzen immer auf der selben Höhe. Männliche Sprecher tragen immer dunklen Anzug mit Krawatte, weibliche Sprecherinnen einen Blazer, der ab und zu sogar geöffnet ist. Dekolleté höchstens angedeutet. Der Herrenanzug und der Blazer scheinen durch Schulterpolster und Körperhaltung der TrägerInnen von selbst zu stehen. Der Damenblazer wird, falls er offen getragen wird, mit der Knopfleiste auffällig unauffällig an dem darunter getragenen Oberteil befestigt. Gesten, Grimassen und Bewegungen werden vermieden.

In den Text Mobilität in der Bekleidung II, Optische Analysen von Ingrid Heimann analysiert die Autorin Kleidungsbewegung. Dabei geht sie davon aus, dass „Bekleidungsbewegung Körperbewegung interpretiert”[1]. Bei der Analyse eines Damenkostüms aus dem Jahr 1965 (das dem interessanterweise seit Jahrzehnten kaum veränderten Standardoutfit von Nachrichtensprecherinnen nahe kommt) schreibt sie, dass Frauenbekleidung mit der Mobilitätsstruktur einer Rüstung vergleichbar ist. Zudem war der Unterleib zu einen Großteil des letzten Jahrhunderts „unbewegt verpackt”[2]. Dazu liefert Heimann abstrakte, grafisch fragwürdige „Bewegungsbilder”(von ihr als „Körpermatrix” bezeichnet) zur detaillierteren Analyse von Bekleidungsbewegung.

So wird das Konstrukt der Fernsehnachrichten, je näher man es betrachtet, immer absurder. Umso größer ist dann natürlich auch hier die Freude der Zuseher an Versprechern, zumindest solange den SprecherInnen das Recht auf modische Fehltritte verwehrt bleibt.

Als Auflockerung gibt es dafür am Ende immer noch das Wetter. Hier dürfen sich die SprecherInnen zu Fuß durch den Raum bewegen, ausladende Gesten benutzen und bunte Oberteile zu Jeans tragen. Ein magerer Versuch die Zuschauer vor einem modischen Nachrichtentrauma zu schützen.


[1] Heimann, Ingrid(1992): Mobilität in der Bekleidung II. Optische Analysen. In: Heinrich, Bettina u.a. (Hg.): Gestaltungsspielräume. Frauen in

Museum und Kulturforschung. Tübingen: Vereinigung für Volkskunde,S. 178.

[2] ebd.: S. 182

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